Service

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2020 (3)

DOI: 10.3278/HBV2003W009

ISSN: 0018–103X wbv.de/hbv hessische-blaetter.de

Manifest zur digitalen Transformation von Volkshochschulen

Verabschiedet durch den Mitgliederrat des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e. V. am 5. Dezember 2019

Präambel

Mit der 2015 verabschiedeten Strategie „Erweiterte Lernwelten“ haben wir im Deutschen Volkshochschul-Verband damit begonnen, den digitalen Wandel als programmatische Herausforderung anzugehen (…). Mit dem vorliegenden Manifest erweitern wir als Volkshochschulen erneut unsere Perspektive. Anknüpfend und eng verzahnt mit unserer Strategie „Erweiterte Lernwelten“ wenden wir den Blick auf die Organisation als Ganzes. Bezogen auf die Organisation vhs stellen wir uns die Frage: Was bedeuten unsere Leitlinien „Offenheit, Begegnung und Vielfalt“ in einer digitalen, vernetzten Gesellschaft, die von hoher Entwicklungsdynamik, Unsicherheiten, Komplexität und Ambiguität geprägt ist?

Wir sind der Auffassung, dass es in der digitalisierten Gesellschaft eine veränderte Organisation Volkshochschule braucht, um die Idee der Volkshochschule weiterzuführen.

Die zentralen Annahmen und die ersten Schritte auf dem Weg zur Transformation fassen wir in dem folgenden Strategiepapier zusammen.

Fünf Annahmen zur digitalen Transformation von Volkshochschule (Auszug)

Annahme 1: Digitalisierung macht es erforderlich und ermöglicht uns, unsere Konzepte und Produkte permanent weiterzuentwickeln und zu überprüfen.
Dabei hilft uns eine vernetzte vhs-Community.

Vereinbarung zu Annahme 1: Wir verabreden, bundesweit Vernetzungskonzepte von Volkshochschulen und ihren Verbänden mit relevanten gesellschaftlichen Akteuren zu erarbeiten und modellhaft umzusetzen, um die Einbindung von Zivilgesellschaft in die Prozesse unserer vhs-Community zu unterstützen. Dazu nutzen wir neben der vhs.cloud auch vorhandene digitale Umgebungen. Die Aktivitäten entstehen u. a. aus den Konzepten, die im Rahmen des Arbeitsschwerpunkts „vhs 2030“ entstehen.

Annahme 2: Sozial gestaltete digitale Umgebungen helfen uns als Volkshochschule, individuelle Lernbedürfnisse zu unterstützen. Dazu ist es notwendig, unsere (digitale) Präsenz merklich zu erhöhen.

Vereinbarung zu Annahme 2: Wir verabreden, die digitale Präsenz von Volkshochschulen und ihren Verbänden auf relevanten Kanälen und Plattformen deutlich auszubauen, um neue soziale Kommunikations- und Lernräume zu erschließen. Dazu werden wir vor allem eine experimentelle Herangehensweise nutzen, um ein schnelles Testen und Evaluieren von digitaler Präsenz zu ermöglichen.

Annahme 3: Volkshochschulen haben in einer digital vernetzten Welt die Aufgabe, Bürgerinnen und Bürger beim Erwerb digitaler Kompetenzen zu begleiten.
Dazu benötigen wir eine digital kompetente Volkshochschule.

Vereinbarung zu Annahme 3: Wir verabreden, den europäischen Referenzrahmen für digitale Kompetenzen „DigComp“ als programmatische Grundlage in den Volkshochschulen zu verankern und den DigCompEDU als organisationale Grundlage für unsere Einrichtungen und ihre Verbände handhabbar zu machen. Die bisherigen Fortbildungskonzepte aus dem Projekt „Erweiterte Lernwelten I“ werden wir daraufhin anpassen. Zudem verabreden wir, den Workflow innerhalb des DVV unter den Gesichtspunkten von Digitalisierung neu zu modellieren.

Annahme 4: Digitalisierung erfordert eine veränderte Unternehmenskultur
und veränderte personelle Ressourcen.

Vereinbarung zu Annahme 4: Wir verabreden, eine bundesweite Initiative zur Verbesserung der technologischen Infrastruktur aufzusetzen, die wir gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden angehen. Wir setzen uns dafür ein, dass hierzu die Bundesregierung einen „Digitalpakt Weiterbildung“ beschließt. Zudem werden wir den „digitalen Heimathafen“ – die vhs.cloud – mit merkbaren Investitionen ausbauen und nutzerorientiert fortentwickeln. Hierzu wird die Kommunikation mit den Kunden systematisch ausgebaut.

Annahme 5: Digitalisierung erfordert veränderte technologische und finanzielle Rahmenbedingungen.

Vereinbarung zu Annahme 5: Wir verabreden, auf allen administrativen Ebenen (Kommune, Land, Bund, Europa) finanzielle Ressourcen für die Umsetzung der o. a. Strategie zu erschließen. Neben dieser strategischen Richtung experimentieren wir mit neuen Formen der Ressourcenerschließung und entwickeln und erproben eine vhs-Crowdfunding-Plattform.

Evaluation: Die Aktivitäten werden einmal jährlich auf ihren Fortschritt geprüft und bewertet. Im Rahmen dieser Strategie verfolgen wir auch die Fortführung des Projektes Erweiterte Lernwelten (ELW II/ vhs.now), für das gesonderte Verabredungen getroffen werden.

Ausarbeitung des Manifestes: AG Digitalisierungsoffensive im Auftrag des DVV-Vorstands/OFA. Beate Benndorf-Helbig, Susanne Deß, Regina Eichen, Gundula Frieling, Charlotte Karpenchuk, Christoph Köck, Svenja Knüttel, Sylvia Kränke, Karsten Schneider

Quelle

https://www.volkshochschule.de/verbandswelt/Digitalisierungsstrategie/manifest-digitale-transformation-von-vhs.php

Nachruf – Klaus Ahlheim (1942–2020)

Service

Nachruf – Klaus Ahlheim (1942–2020)

Klaus-Peter Hufer

„Solange politische Erwachsenenbildung an dem Ziel eines autonomen Subjekts festhält, kann sie auf rationale Aufklärung nicht verzichten.“ (Klaus Ahlheim)1

Am 17. Juni verstarb Prof. Dr. Klaus Ahlheim in seiner Wahlheimat Berlin.

Klaus Ahlheim war mit Leib und Seele Professor für Erwachsenenbildung. Entgegen allen konstruktivistischen, affirmativen und modernistischen Konjunkturen hielt er an einer emanzipatorischen und an Aufklärung orientierten Bildung, vor allem der politischen Bildung fest. Der bildungspolitisch durchgesetzten Markt- und Verwertungsideologie hat er sich argumentationsstark widersetzt. Um diese Themen kreisen seine zahlreichen bedeutenden Schriften; die wichtigste dürfte sein 1990 veröffentlichtes und im Jahr 2008 neu aufgelegtes Buch mit dem programmatischen Titel „Mut zur Erkenntnis“ sein.

Am 28.3.1942 wurde Klaus Ahlheim in Saarbrücken geboren, in Bensheim/Odenwald ist er dann aufgewachsen. Die Verhältnisse waren arm und „und nicht selten war Hunger angesagt“2, schrieb er in seinem 2015 und 2018 erschienenen „autobiografischen Fragment“ mit dem Titel „Kriegsgeburt“.

Ahlheim studierte Theologie, zunächst in Marburg. Dort machte er die Erfahrung, dass die NS-Zeit keine Rolle spielte und manche seiner Professoren „erzreaktionär“3 waren. Hier liegt wohl ein Schlüssel für seine Abwehr gegen Nationalismus und Fundamentalismus. Sein Studium setzte Ahlheim in Berlin und Mainz fort. Dort war er dabei, als der örtliche SDS gegründet wurde. Hier konkretisierte sich auch sein pädagogisches Grundverständnis, das er so beschreibt: „Solide Information, Wissen, Erkenntnis, auch wenn sie mühsam und unbequem sind, haben etwas Befreiendes, machen auch politisches Handeln erst möglich, ohne sie ist Pädagogik Zurichtung und Indoktrination.“4

1972 promovierte Ahlheim in München mit einer Arbeit über Max Webers Religionssoziologie. 1971 wurde er Vikar in Ingelheim am Rhein. Ein Jahr später ging er als Studentenpfarrer nach Frankfurt, das blieb er bis 1981. Diese Zeit war für ihn, wie er schreibt, „eine Befreiung“.5 Denn es folgte eine höchst engagierte Phase: Ahlheim öffnete seine Arbeit für kritische Positionen und für Vertreter der nachwirkenden Studentenunruhen.

1981 schließlich habilitierte er sich in Frankfurt mit einem Thema zur Arbeiterbildung in der protestantischen Erwachsenenbildung. Im folgenden Jahr wurde er auf eine Professur für „Erwachsenenbildung und Außerschulische Jugendbildung“ in Marburg berufen. Hier wandte er sich auch der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit zu. Für Wirbel sorgte er, als er die NS-konforme und antisemitische Vergangenheit des renommierten Sozialethikers Dietrich von Oppen aufdeckte. Die Folge: „Ein Sturm der Entrüstung brach los, er brach über mich herein, nicht über den, dessen Vergangenheit ich offengelegt hatte.“6

1994 bot sich „die Chance, aus Marburg wegzukommen.“7 Er nahm einen Ruf der Gesamthochschule Essen, später Universität Duisburg-Essen, an. Es folgten produktive Jahre: Arbeiterbildung, Vorurteilsforschung, Auseinandersetzung mit Rechts­extremismus und weitere Akzentuierungen einer emanzipatorischen politischen Bildung.

Seine Erkenntnisse und Positionen vertrat er in klar formulierten Schriften, in etlichen Vorträgen und streitbar auf vielen Tagungen. Er war einer der wenigen Erwachsenenbildner*innen, der die Diskussion mit Politikdidaktiker*innen suchte. Dabei wandte er sich dezidiert gegen „Konstruktivismus und Entpolitisierung der politischen Bildung“8, für die Erwachsenenbildung hielt er den Beutelsbacher Konsens für „fragwürdig“.9 Das Prinzip der Konfliktorientierung war für ihn „jedem Wende-Zeitgeist zum Trotz, unaufgebbar, ja (…) noch nötiger denn je.“10

Ahlheim hat die politische Erwachsenenbildung offensiv als eine kritische Wissenschaft und als eine ebensolche Praxis positioniert. Über die Jahre seines Schaffens hinweg hat er vor Rechtsextremismus und Ethnozentrismus „in der Mitte der Gesellschaft“ gewarnt.11

Am Ende seines beruflichen Lebens zog er Bilanz: Der „betriebswirtschaftliche Neusprech“12 hatte in der Weiterbildung Einzug gehalten – für ihn eine Form des „gehobenen Nonsens“.13 Die Universität wurde für ihn zu einer „modernen Berufszurichtungsanstalt“.14

Im neuen Wohnort Berlin, wo Politik, Gesellschaft und Kultur unmittelbar zu erleben waren, entstanden Schriften, die sich kritisch mit dem Zustand der politischen Bildung beschäftigen, die weitere Anstöße geben zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Antisemitismus. Mit seiner kritischen Einschätzung hat Ahlheim auch seine eigene Zunft nicht geschont: „Die Disziplin der Erwachsenenbildung an den Universitäten allemal, aber auch in den Hauptfeldern zumindest des betrieblichen Weiterbildungsalltags, weiß sich längst einer affirmativen Sozialtechnologie verpflichtet, vermeidet Gesellschaftskritik und unterstützt, was ist.“15

An seinen Grundsätzen hat Klaus Ahlheim nie einen Zweifel gelassen. Der Titel eines Sammelbandes einiger seiner Vorträge und Aufsätze fasst die Prinzipien seiner Bildungsarbeit zusammen: „Kritik, Aufklärung, politische Intervention“.16 Dafür hat er stets Position bezogen und keinen Streit gescheut. Eine kantige, kraftvolle und konflikterprobte Person wie er tat der Landschaft gut. Sein Tod hinterlässt eine nicht zu schließende Lücke.

1

Klaus Ahlheim: Mut zur Erkenntnis. Über das Subjekt politischer Erwachsenenbildung, Bad Heilbrunn/Obb. 1990, S. 38, erweiterte Neuausgabe, Schwalbach 2008, S. 46

2

Klaus Ahlheim: Kriegsgeburt. Ein autobiografisches Fragment, zweite, erweiterte Auflage, Hannover 2018, S. 31

3

Ebd., S. 49

4

Ebd., S. 54

5

Ebd., S. 65

6

Ebd., S. 81

7

Ebd., S. 102

8

Ebd., S. 58

9

Ebd., S, 63

10

Ebd.

11

Ahlheim: Mut… 2008, a. a. O., S. 193 f.

12

Ahlheim: Kriegsgeburt, a. a. O., S. 108

13

Ebd.

14

Ebd., S. 109

15

Klaus Ahlheim: Rechtsextremismus – Ethnozentrismus – Politische Bildung, Hannover 2013, S. 73

16

Klaus Ahlheim: Kritik, Aufklärung, politische Intervention. Gesammelte Aufsätze zur Erwachsenenbildung, Ulm 2016