1 Einleitung

Gerade in Zeiten existenzieller Krisenerfahrungen erfährt die Frage nach dem eigenen Sein, verbunden mit der Verortung individueller und kollektiver Zugehörigkeiten eine große Relevanz. Im Kontext der Corona-Pandemie und auch des Ukraine-Konfliktes zeigen sich beispielsweise Dimensionen von Identität in Statements sogenannter nationaler Identität sowie einer politisch und ökonomisch forcierten europäischen Identität. So ist Identität immer mit Verortungen verbunden – sei es als Subjekt in seiner Individualität oder als Kollektiv. Aktuelle Zeitdiagnosen verweisen auf Identitätsthematiken in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. In der Frage nach Identitäten oszillieren Ex- und Inklusionsstrategien. Sie finden ihren Niederschlag in den momentanen Identitätsdebatten, den massiv geführten Diskussionen um Integration, Diversität oder auch „Cancel Culture“. Die Diskurse verweisen nicht nur auf die Relevanz der individuellen und kollektiven Selbstkonzepte, die aus den sozialen und politischen Bewegungen selbst entstanden sind, wie beispielsweise Gender, Queer, Postcolonial, Critical Race oder den Disability Studies, sondern offenbaren auch ihre Angreifbarkeit und Verletzbarkeit.

Die Vehemenz, mit der diese Diskussionen aktuell ausgetragen werden, verweist gleichwohl auf die Relevanz, sich mit Fragen von Identitäten auseinanderzusetzen – sowohl der eigenen als auch solchen Identitätsentwürfen, die zuerst fremd erscheinen und irritieren, individuell wie auch kollektiv.

Um sich den aktuellen Identitätsdiskursen aus den verschiedenen Disziplinen anzunähern, wird zuerst ein pointierter Überblick über die verschiedenen Identitätskonzepte gegeben. Identitätsarbeit als Prozess der Aushandlung und Ausformung kann nur gelingen, wenn Ressourcen gegeben und Gestaltungsräume vorhanden sind. Diese werden in Folge diskutiert, wobei auch mögliche Risse und Uneindeutigkeiten als Aspekte von Identitätsentwicklung im Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse betont werden. Aus pädagogischer Perspektive wird anschließend Identitätsentwicklung als sowohl individueller wie auch gesellschaftlicher Bildungsprozess verstanden, der im Kontext von Anerkennung und Solidarität gerahmt wird. Dies aufgreifend wird Identität abschließend in einem exemplarischen Ausblick in ihrer Bedeutung im Kontext professioneller Identität, Digitalisierung und Kollektivität aufgefächert.

2 Von Kohärenzideen, Bastelexistenzen und Patchworkidentitäten – Zugänge zu Identitätskonzepten

Einig sind sich sowohl gängige Identitätsdefinitionen aus der Entwicklungspsychologie, der Soziologie und auch der Pädagogik, dass Identität die Einzigartigkeit der Persönlichkeit eines Menschen umfasst, die in permanenter Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Bild anderer verhandelt wird. Sie beinhaltet dabei kognitive Aspekte wie das Selbstkonzept und emotionale Dimensionen wie beispielsweise das Selbstwertgefühl. Dabei ist die Identitätsbildung ein offener Prozess, der lebenslang stattfindet.

Noch vor gut 50 Jahren betonte Erikson in seinem entwicklungspsychologisch gerahmten Konzept „Ich-Identität“ als eine Konstante verbunden mit der Fähigkeit „eine innere Einheit und Kontinuität (...) aufrecht zu erhalten“ (Erikson 1966, S. 107). Er differenzierte mit dem viel diskutierten Begriff der „personalen Identität“ die Ebene personaler Systeme, „die wahrnehmbare Sich-Selbstgleichheit und Kontinuität der Person in der Zeit“ (Dubiel 1976, S. 148). Auf der Ebene der sozialen Systeme benutzt Erikson den Terminus der „Gruppenidentität“ und meint damit „die Konstanz der Symbole einer Gruppe trotz Fluktuation ihrer Gruppenmitglieder“ (vgl. ebd., S. 148 f.). Marcia, Schüler von Erikson, griff später den Ansatz der „Ich-Identität“ auf und erweiterte ihn um vier verschiedene Identitätsformen, die alle den Prozess der Aushandlung betonen und besonders die Adoleszenz betreffen.

Aus soziologischer Perspektive werden Diskurse der Identität eng mit der Handlungstheorie von Mead und dem Symbolischen Interaktionismus, vertreten durch u. a. Goffmann und Strauss, verknüpft. Zygmund Bauman definiert Identität 30 Jahre später als „innere Selbstthematisierung des Subjektes (…), das sich damit Antworten auf folgende Fragen zu geben versucht: ‚Wer bin ich? Was will ich, was kann ich sein? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft?‘“ (Bauman 1995, S. 54). Einerseits zeigt sich die Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit der Individuen, anderseits aber auch die permanente Frage nach Zugehörigkeiten, nach Orten, in denen Identitäten gestaltet, gelebt und vor allem anerkannt werden. Dabei geschieht das Formen der Identitätsentwürfe immer im Wechselspiel von Zugehörigkeiten und Abgrenzungen. Identität fungiert als Differenzierungs- und Vermittlungsbegriff gleichermaßen, denn er signalisiert die internen Unterschiede im Selbst ebenso wie die externen Differenzen zwischen sich und dem*r Anderen und er verweist auf die Leistungen, die zu erbringen sind, um ein gewisses Maß an internen, d. h. selbstbezüglichen Integrationen wie auch externen, d. h. sozialen Integrationen aufrechtzuerhalten (vgl. Zirfas 2010, S. 12). Hitzler und Honer (1994) akzentuieren als Folge postmoderner Lebensbedingungen Identität als Bastelexistenz, die, den jeweiligen aktuellen Erfordernissen folgend, täglich neu entworfen wird. Mit hoher pragmatischer Kompetenz sind die Individuen aufgefordert, aus einer Fülle an Lebensstilalternativen das jeweils temporär stimmige „Lebensstil-Paket“ (ebd., S. 310) zusammenzustellen und zu einer Sinn-Heimat zu formieren. Diesen Gedanken aufgreifend, verweist Keupp (1997, S. 18) mit seiner viel rezipierten Metapher der Patchworkdecke (für die Identitätskonzepte der Moderne) bzw. des Crazy Quiltes (für die Identitätskonzepte der Postmoderne) auf den kreativen Prozess der Selbstorganisation verschiedener Lebensmuster zu einem Sinnganzen. Dabei gestaltet sich Identität hier als Flickwerk verschiedener Teilidentitäten, die sich aus den persönlichen und sozialen Bezügen des Individuums ergeben (Keupp et al. 2008, S. 217 ff.). Die Identitätsentwicklung des Subjektes wird nie abgeschlossen, sondern zeigt sich als permanenter, offener Prozess, der nicht nur die parallele Existenz verschiedener Teilidentitäten konzediert, sondern den Prozess kreativer Subjektleistung betont. Basierend auf einer soziologischen Analyse, die gegenwärtige Identitätskonzepte in ihrer (scheinbaren) Multioptionalität, aber auch Isolation und Bindungslosigkeit verortet, greift der Soziologe Bauman auf das Bild von Nomadinnen und Nomaden zurück, die aufgefordert sind, sich in einer zunehmend fluiden Gesellschaft zu orientieren und immer wieder neu zu entwerfen und auch kurzfristig zu beheimaten (vgl. Bauman 2003, 2007). Zeitgemäßen Identitätskonzepten ist gemein, dass sie auf die Brüchigkeit und Kontingenz von biografischen Lebensentwürfen verweisen und Identität in ihrer Fragilität und auch Fragmentierung modellieren.

3 Merkmale gelingender Identitätsarbeit

Gemeinsam ist den angeführten Ansätzen, dass von jedem Subjekt in der Syntheseleistung alltäglicher Identitätsarbeit drei Aspekte erfüllt werden müssen (Keupp et al. 2008, S. 167). Erstens gilt es eine Kohärenz herzustellen. Dies geschieht über die eigenen, vorgestellten Geschichten. Jene Narrationen fungieren einerseits als vorgestelltes Selbstkonzept, andererseits prospektiv als angestrebter Identitätsentwurf. Gerade in Akten narrativer Identitätsbildung, in der Auseinandersetzung mit anderen im Kontext von Gesprächen oder sozialen Interaktionen, geschieht die eigene Identitätsarbeit. Dazu gehört auch das Wahrnehmen von Fragen, Irritationen, Fremdheiten, Nicht-Passungen. Zweitens dominiert das Erlangen von Anerkennung, bei gleichzeitigem Erhalt der eigenen Autonomie. Das beinhaltet die Aufmerksamkeit von anderen, die positive Bewertung durch andere und die eigene Selbstanerkennung. Der dritte und letzte Aspekt konzentriert sich auf das Erleben von Authentizität. Auch konträre Identitätsziele oder -entwürfe müssen von den Subjekten mit einer individuellen Sinnhaftigkeit versehen werden.

Damit Identitätsarbeit an sich gelingen kann, bedarf es – so Keupp (vgl. ders., 1997, S. 19 f.; 2005, S. 81 ff.) – materieller und sozialer Ressourcen, wie beispielsweise Netzwerke und Bezugsgruppen, aber auch die Fähigkeit zum Aushandeln von Identitätsentwürfen. Besonders in Hinblick auf aktuelle Prozesse der Individualisierung und auch Vereinzelung kommt der Funktion von sozialen Netzwerken, sei es im Face-to-Face-Kontakt oder digital basiert eine essenzielle Rolle zu. So dienen sie als Korrektiv der eigene Identitätsbilder und der Verankerung und Verhandlung von Identitätsprojekten. Die narrative Selbstdarstellung deutet auf den eigenen Interaktionsradius und Handlungsbezug. Netzwerke sind ebenso Orte sozialer Anerkennung und bieten Personen mit ihren Identitätsentwürfen Anbindung sowie Unterstützung (vgl. Keupp 2008, S. 168 ff.). Ferner gehören ein Aushalten von Verunsicherung und Uneindeu­tigkeiten sowie gleichzeitig eine grundlegende Haltung der Partizipation und der Sinnhaftigkeit (vgl. ebd.) zur Identitätsbildung dazu. Neben den individuellen Voraussetzungen ist es gleichermaßen die Notwendigkeit einer aufgeklärten Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen, die Identitätsbildung von einem rein individuellen Zugang enthebt und im Rahmen von Sozialität verortet (vgl. Nierobisch 2015, S. 46 ff.).

4 Identitätskonstruktionen als Bildungsprozesse

Verbunden mit einem bildungstheoretischen Zugang als Ausgangspunkt pädagogischer Analysen und erzieherischen Handelns heißt es, Identität auch als Vergesellschaftungsprozess zu verstehen. Dies umschließt das Werden in und durch die Geschichte und die darin enthaltene, unauflösbare Verzahnung mit den jeweils vorherrschenden gesellschaftlich-politischen Bedingungen in den Blick zu nehmen. Das umfasst, die damit gegebenenfalls einhergehenden alltäglichen Widersprüchlichkeiten zwischen den eigenen Bedürfnissen und Entwürfen einerseits und den gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen andererseits zu thematisieren, denen das Subjekt ausgesetzt ist (vgl. Bernhard 2010, S. 132).

Bereits 1985 fordert Klafki in den bildungstheoretischen Grundlagen zu einer kritisch-konstruktiven Didaktik, dass Bildung immer selbstbestimmt und solidarisch gleichermaßen zu denken ist und auf die Befähigung zum Handeln zielen muss (vgl. Klafki 2007, S. 62). Bildung als Allgemeinbildung oder synonym bei Klafki als all­gemeine Bildung zielt neben der Selbstbestimmungsfähigkeit und der Mitbestimmungsfähigkeit gerade auch auf den Aspekt der Solidarität ab. So kann der „eigene Anspruch auf Selbst und Mitbestimmung nur gerechtfertigt werden, wenn er nicht nur mit der Anerkennung sondern auch mit dem Einsatz für diejenigen und dem Zusammenschluss mit ihnen verbunden ist, denen eben solche Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse, Unterpriviligierungen, politischer Einschränkungen und Unterdrückungen vorenthalten oder begrenzt werden“ (ebd., S. 52; H. i. O.). Im Bewusstsein, dass Identitätsprozesse immer auch Bildungsprozesse sind, ist Allgemeinbildung gepaart mit einem geschichtlichen Bewusstsein über die Genese der zentralen Probleme der Gegenwart in ihrer Historizität zu analysieren und zu lösen sowie Zukunft mitverantwortlich zu gestalten. Dazu schlägt Klafki die Beschäftigung mit acht epchochialtypischen Schlüsselproblemen vor, deren Thematik jedoch jederzeit veränderbar ist (vgl. ebd., S. 56 ff.).

Identitätskonzepte der Postmoderne akzentuieren nicht nur den temporären Charakter von sich stetig wandelnden Identitätskonzepten, sondern sie stellen Identität als ein „Gefühl von Identität“ dar. Dieses subjektive Gefühl ist jedoch gekennzeichnet von Rissen, Umbrüchen und permanenten Umformatierungen, die ihren Ursprung in den Unsicherheiten gegenwärtiger gesellschaftlicher Gegebenheiten haben (Nierobisch 2016, S. 231). So sind es gerade die Wahrnehmungen von Unstimmigkeiten, Rissen und Widersprüchlichkeiten, die im Sinne eines reflexiv-kritischen Identitätsansatzes wahr- und ernst zu nehmen sind. Denn genau hier zeigt sich, dass Identität eben nicht absolut, als einstimmiges Passungsverhältnis zu verstehen ist. Als Raum der „Nicht-Identität“ speist es sich daraus, dass das Individuum nicht komplett in dem Begriff aufgeht, den es von sich selbst gewonnen hat, sondern in seiner einmaligen Besonderheit auf das Nicht-Identische verweist, es sich keiner Begrifflichkeit fügt, sondern vielmehr in einem Widerspruch zu sich selbst steht und sich zugleich darüber hinaus setzt (vgl. Pongratz 2013, S. 62).

5 Kollektivität und Solidarität – über das Eigene hinaus?

Neben der Konstruktion der personalen Identität (Tajfel/Turner 1986) dienen vor allem Gruppen und Gemeinschaften als Entstehungsraum kollektiver Identitäten, die sich Schildberg zufolge in drei verschiedenen Dimensionen, nämlich als Teil der personalen Identität (soziale Rollen/Positionen), als individuelles Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe oder als Identitätsverständnis einer ganzen Gruppe oder eines Kollektivs ausdifferenzieren (Schildberg 2010, S. 51 ff.). Für das Herausbilden kollektiver Identitäten bedarf es jedoch des Rückbezuges auf eine gemeinsame Gruppenkultur. Diese offenbart sich in ihren Symbolsystemen bzw. symbolischen Gestalten (Sackmann et al. 2005, S. 30 f.). Dazu gehören formale oder informelle Kriterien der Mitgliedschaft, kollektive Selbstbilder, Normen, Werte und Ideale, Solidarität und Vertrauen der Gruppenmitglieder untereinander und häufig auch Abgrenzungsbemühungen gegenüber Nichtmitgliedern bzw. anderen Kollektiven.

Kritischer Vertreter*innen u. a. postkolonialer oder feministischer Richtungen monieren, dass der Blick „von außen“ auf die wahrgenommenen sozialen, aber auch kollektiven Identitäten die Gefahr birgt, sich vordergründig auf „Resultate“ von Identitätsbildungsprozessen zu konzentrieren und weniger den Konstruktionsprozess an sich zu analysieren. Dabei entsteht in der Auslegung nämlich die Gefahr von Naturali­sierungs- und Essenzialisierungsprozessen. Die den Konstruktionsprozessen von kollektiven Identitäten zugrunde liegenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse werden so u. U. willentlich oder unwillkürlich verschleiert.

Im Rückbezug auf Klafki stellen sich Fragen der Solidarität und der humanen Verbundenheit. Solidarität kann hier verstanden werden als eine Kategorie, die moralische und politische Dimensionen zusammendenkt und mit einer Handlungsweise verknüpft (Scherr 2021, S. 43). Sie erstreckt sich gerade nicht auf das Eigene, sondern verweist auf die Relevanz der Anerkennung des Fremden. So ist zum Beispiel die Idee nationaler Solidarität begrenzend und ausgrenzend, denn nationales Denken verhindert transnationale Solidarität (vgl. Kaufmann 2021, S. 16). Solidarität muss stattdessen unabhängig von Zugehörigkeiten gewährt werden; auch für Menschen, die nicht der eigenen Familie, Gruppe oder Nation angehören. Demgemäß ließe sich fragen, wie der Solidaritätsbegriff so gefasst werden kann, dass er nicht als Legitimationsformel für Anpassungszumutungen, Ein- und Unterordnungsforderungen verstanden und gebraucht werden kann (Scherr 2019, S. 11). Bezogen auf Identitätsprozesse verweist er auf die Relevanz, gerade auch das Fremde, Nicht-Identische wahrzunehmen und in seiner Einzigartigkeit anzuerkennen. Dies betrifft sowohl das eigene Fremde als auch das Fremde im Gegenüber und das dann wieder Zurückführen auf die eigene Identität, in der das Fremde des Gegenübers auch das eigene Fremd-Sein widerspiegelt – und darüber hinausgeht. Identität wird so in ihrer Absolutheit brüchig, in ihrer Verletztheit sichtbar und in ihrer Illusion von Kohärenz demaskiert. Nicht-Identität kann sich mit diesem Fokus als Raum des Ungleichen entfalten, der sich jedem Gleichmachen verweigert. Damit würde der Dreischritt einer emanzipativen Identitätstheorie aus Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität um die „Wahrnehmung der Nichtidentität (als) Ort des Humanen“ (Marotzki 1991, S. 79 ff.) ergänzt werden.

6 Ausblick: Digitalität, Professionalität und
kollektive Verortungen – Facetten gegenwärtiger Identitätsdebatten

Anknüpfend an die Grundlagen zeitgemäßer Identitätsdiskurse stellt sich Identität im Kontext einer professionellen Identität auch im beruflichen Kontext dar. Hier generiert sie sich als Zusammenspiel individueller und kollektiver Identität, die aus Fremd- und Selbstzuschreibungen gebildet wird. Kernelemente stellen dabei das jeweilige Wissen, die unterschiedlichen Kompetenzen und die internalisierten Haltungen des*r Einzelnen dar, die wiederum in ein kollektives Verständnis professioneller Identität eingebunden sind, wie dies beispielsweise von Berufsverbänden festgelegt wird. Professionelle Identität bildet sich über Lernprozesse, die gleichermaßen Dimensionen des Wissens (Fachwissen und kontextuales Wissen), des Handlungswissens (Kompetenzen), des interaktiven Geschehens und des professionellen Agierens (Theorie-Methoden-Transfer) bedenken sowie professionelle Identität individuell und kollektiv immer wieder reflektieren und ggf. variieren. Folglich ist professionelle Identität immer auch in Prozesse der Professionalisierung eingebettet, die sich zum Ersten als individueller Prozess der beruflichen Reifung, zum Zweiten als kollektives Projekt der Bündelung von Berufsrollen, zum Dritten als Prozess der Verwissenschaftlichung und zum Vierten als Selbst- bzw. Fremdsteuerung verstehen (vgl. Nittel 2000, S. 61).

Im Rückgriff auf die Bedeutung von Netzwerken und Anerkennungen für das Herausbilden von Identitäten sind insbesondere digitale Formate wesentlich. Vor allem unter der Marge von Individualität und Einzigartigkeit, von origineller Performance und Nonstop-Präsentation bietet das Internet einen (fast) grenzenlosen Freiraum. Hier werden Identitäten erprobt, verworfen, bewertet und gestaltet. Dabei kommt Influencern als medialen Vorbildern eine steuernde Funktion zu (vgl. mpfs 2021, S. 47 f.), wie die aktuelle JIM-Studie zum Medienverhalten von Jugendlichen zeigt. Sie beeinflussen gerade junge Menschen in den sozialen Netzwerken in ihren Meinungen sowie ihrem Freizeit- und Konsumverhalten – und somit auch in der eigenen Identitätsgestaltung. Die Aufforderung nach Einzigartigkeit durchzieht dabei alle Lebensbereiche – Arbeitswelten, Kulturbereiche und Lebensstile (vgl. Reckwitz 2017). Basierend auf einem hohen Maß an Vernetzung, einer neoliberalen Ökonomie und einem Informationskapitalismus (vgl. Schirrmacher, 2013) werden – medial befeuert – Identitätsentwürfe inszeniert, die häufig nicht eine solidarische, sondern eine selbstoptimierende Identität vorantreiben.

Literatur

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Bauman, Z. (2003). Flüchtige Moderne. Suhrkamp.

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Scherr, A. (2019). Solidarität: eine veraltete Formel oder ein immer noch aktuelles Grundprinzip emanzipatorischer Praxis? In Widersprüche – Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich. Heft 151. Verlag Westfälisches Dampfboot. S. 9–17.

Schildberg, C. (2010). Politische Identität und Soziales Europa. Parteikonzeptionen und Bürgereinstellungen in Deutschland, Großbritannien und Polen. VS Verlag.

Schirrmacher, F. (2013). Ego – das Spiel des Lebens. Karl Blessing Verlag.

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Zirfas, J. (2010). Identität in der Moderne. Eine Einführung. In B. Jörrisen & J. Zirfas (Hrsg.), Schlüsselwerke der Identitätsforschung. VS Verlag. S. 9–18.

Autorin

Kira Nierobisch, Prof.in Dr. phil., Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit, Katholische Hochschule Mainz.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch das Peer-Review und die Redaktionskonferenz am 5. Mai 2022 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following a qualitative peer review and the editorial meeting on the 5th of May 2022.