Interdisziplinäre Bildungsplanung am Beispiel des vhs-Schwerpunktsemesters BNE

Perspektiven und Beispiele für inter- und transdisziplinäre Kontexte

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (3)

DOI: 10.3278/HBV2103W006

ISSN: 0018–103X     wbv.de/hbv     hessische-blaetter.de

Interdisziplinäre Bildungsplanung am Beispiel des vhs-Schwerpunktsemesters BNE

Sascha Rex, Philip Smets

Zusammenfassung

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) möchte den Menschen zu zukunftsfähigem Denken und verantwortungsvollem Handeln befähigen. Im Bereich der Erwachsenenbildung sind insbesondere auch die Volkshochschulen gefragt, ihren herausfordernden Bildungsauftrag zur BNE wahrzunehmen und mit Beteiligung auf möglichst breiter Basis einem gemeinsamen, existenziellen Anliegen bundesweit in Medien, Politik und Öffentlichkeit Gehör und Geltung zu verschaffen. Wie sie diese Herausforderung als gesamtverbandliche, programmbereichsübergreifende und interdisziplinäre Aufgabe annehmen, skizziert dieser Beitrag am Beispiel des bundesweiten Semesterschwerpunkts der Volkshochschulen zu „Weiterbildung für nachhaltige Entwicklung“ im Frühjahr 2021.

Stichwörter: BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung; vhs-Semesterschwerpunkt; interdisziplinäre Querschnittsaufgabe

Abstract

Education for Sustainable Development (ESD) aims to enable people to think in a sustainable way and to act responsibly. In the field of adult education, the Adult Education Centres (Volkshochschulen), in particular, are called upon to fulfil their challenging educational mandate on ESD and, with participation on as broad a basis as possible, to make a common, existential concerns heard and accepted nationwide in the media, politics and the public. How they take on this challenge as an all-association, cross-programme and interdisciplinary task is outlined in this article using the example of the nationwide semester focus of the Adult Education Centres on “Continuing Education for Sustainable Development” in spring 2021.

Keywords: ESD – Education for Sustainable Development; vhs semester focus; interdisciplinary cross-sectional task

1 Bildung für nachhaltige Entwicklung als Bildungsauftrag für die Volkshochschulen

Eine nachhaltige Entwicklung ist für die zukunftsfähige (Um-)Gestaltung unserer Gesellschaft essenziell. Klimawandel und Artensterben beschleunigen sich immer mehr und die Übernutzung der natürlichen Ressourcen ist bisher ungebrochen. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) kann einen Beitrag dazu leisten, die Menschen zu zukunftsfähigem Denken zu befähigen, sie in die Lage zu versetzen, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu reflektieren und auf dieser Grundlage verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Insbesondere in Zeiten grundlegenden gesellschaftlichen Wandels, wie wir ihn derzeit erleben, kommt der Erwachsenenbildung bei der Vermittlung dieser Kompetenzen eine Schlüsselrolle zu. Im Rahmen des für die Erwachsenenbildung grundlegenden Konzepts des lebenslangen Lernens „schärft [BNE; Anmerkung d. Verf.] den ganzheitlichen Blick auf eine nachhaltige und globale, intra- und intergenerational gerechte, d. h. zukunftsfähige Entwicklung“ (Look & Heinold-Krug 2019, S. 12).

Im Bereich der Erwachsenenbildung sind als wesentliche Akteure auch die Volkshochschulen (vhs) gefordert, ihren Bildungsauftrag in der BNE wahrzunehmen und so ihrem selbst formulierten Anspruch, „Orientierung im gesellschaftlichen Wandel“ (DVV 2011, S. 25) zu vermitteln, gerecht zu werden. Dies betrifft zum einen die Dimension der Organisationsentwicklung der vhs hin zu nachhaltig agierenden Akteuren in der kommunalen Bildungslandschaft. Aufgrund ihrer kommunalen Verankerung befinden sich die vhs in einer besonderen Position in der deutschen (Weiter-)Bildungslandschaft. Sie sind als Akteure der allgemeinen Erwachsenenbildung Teil der kommunalen Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger und bilden eine Schnittstelle zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft. In dieser Position sind die vhs gefordert und in der Lage, gesellschaftlich drängende Themen wie die Frage nach der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft und der dafür notwendigen Transformation breiten Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen und als Orte der Vernetzung in der Kommune auch Diskussionsprozesse anzustoßen und zu begleiten. Voraussetzung dafür ist eine glaubwürdige Positionierung als nachhaltig agierender Bildungsakteur. Konkreten Ausdruck findet das Engagement des DVV als Vertreter der über 900 vhs seit mehreren Jahren in der Mitwirkung an der Nationalen Plattform für Bildung für nachhaltige Entwicklung unter Federführung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ziel der Nationalen Plattform ist die Umsetzung des „UNESCO Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung“.1 In diesem Rahmen war der DVV im Jahr 2017 unter anderem maßgeblich an der Erarbeitung des Nationalen Aktionsplans BNE beteiligt und bekennt sich im Rahmen einer Selbstverpflichtung zu dessen Umsetzung (vgl. Kempmann & Rex 2018).

Zum anderen sind die vhs auf der Ebene des Programmangebots gefordert. BNE möchte Wissen vermitteln, Perspektiven eröffnen und zu systemischem Denken und dem Erkennen von Zusammenhängen befähigen. Das breite Bildungsangebot über die verschiedenen Fachbereiche hinweg bietet den vhs die strukturelle Voraussetzung, diese Ziele umzusetzen. Dies setzt allerdings das Verständnis von BNE als übergreifendes Querschnittsthema voraus und muss in der Bildungsplanung auch so umgesetzt werden. Ein weiteres Strukturmerkmal der vhs ist ihr bundesweites Netzwerk, das mit über 900 Standorten und Außenstellen eine flächendeckende Präsenz der Bildungsangebote gewährleistet. Gleichzeitig besteht mit dem Institut für internationale Zusammenarbeit des DVV (DVV International) eine führende Fachorganisation im Bereich der Erwachsenenbildung und Entwicklungszusammenarbeit, die weltweit in über 30 Ländern aktiv ist und internationale Fragen und globale Problemlagen fokussiert.

Das strukturelle Potenzial, das anspruchsvolle interdisziplinär entwickelte und begründete Konzept der BNE breiten Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen, ist vor diesem Hintergrund zweifellos vorhanden. Ziel des bundesweiten Semesterschwerpunkts ist es, dieses Potenzial zu bündeln und einerseits die vhs bei der Entwicklung hin zu nachhaltig agierenden Institutionen zu unterstützen und andererseits BNE im breiten Bildungsangebot der vhs über die Fachbereichsgrenzen hinweg sichtbar zu machen und zu verankern.

2 Der vhs-Semesterschwerpunkt „Weiterbildung für nachhaltige Entwicklung“ – Planung und Umsetzung

Die bundesweiten vhs-Semesterschwerpunkte verfolgen das Ziel, die Programmentwicklung der vhs auf einen bestimmten Themenschwerpunkt zu fokussieren und sie seitens des DVV und der Landesverbände der vhs bei der Entwicklung und Umsetzung von konkreten Inhalten zu unterstützen. Zusätzlich ermöglichen sie eine gebündelte, öffentlichkeitswirksame Darstellung des breiten Programmangebots der vhs und eine erhöhte Aufmerksamkeit. Dass die vhs schon länger mit dem Themenbereich „Nachhaltigkeit“ befasst sind, geht aus einer Programmanalyse des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) aus dem Jahr 2019 deutlich hervor (vgl. Burdukova 2019). Allerdings weist die Analyse in diesem Bereich ein Übergewicht bei Themen der klassischen Umweltbildung im Programmangebot der vhs aus. Ein wesentliches Ziel des gemeinsamen Semesterschwerpunkts ist es, den ganzheitlichen Ansatz der BNE auch im Programmangebot der vhs sichtbar zu machen und dazu sämtliche Programmbereiche in die Ausgestaltung der Programmangebote einzubeziehen.

Strukturell wurde dieses Ziel zum einen über eine Verankerung des Themas BNE als strategische Querschnittsaufgabe in der Bundesgeschäftsstelle des DVV umgesetzt. Die übergeordnete Ansiedlung des Themas jenseits eines festen Programmbereichs erwies sich für die fachbereichsübergreifende Planung des Semesterschwerpunkts als hilfreich. Gleichzeitig fungierten die fachbereichsspezifischen Bundesarbeitskreise des DVV und der vhs-Landesverbände, die mit ihrer Arbeit „fachdidaktische Entwicklungen und Qualitätsstandards für das Bildungsangebot vorantreiben“ (DVV 2011, S. 25), als Schlüsselakteure für die Umsetzung des Semesterschwerpunkts. So war der Bundesarbeitskreis Politik – Gesellschaft – Umwelt (BAK PGU) im DVV, das Fachgremium zur gesellschaftspolitischen Bildung der vhs, federführend in die Planung einbezogen – immer mit einer programmbereichsübergreifenden Perspektive. Bereits im Jahr 2019 entwickelte der BAK PGU die „Handreichung Bildung für nachhaltige Entwicklung an Volkshochschulen“ (Look & Heinold-Krug 2019) und damit eine fundierte und durch die vhs breit angenommene Grundlage für die Verankerung von BNE im Programmangebot der vhs.

Als Höhepunkt des Semesterschwerpunkts sah die Planung ursprünglich vor, den für Sommer 2021 geplanten Volkshochschultag, den größten Weiterbildungsfachkongress Europas, unter das Motto „Weiterbildung für nachhaltige Entwicklung“ zu stellen und das Thema auf diese Weise auch in der (Fach-)Öffentlichkeit als Querschnittsthema der Volkshochschularbeit jenseits der Fachbereichsgrenzen zu platzieren. Dieses Vorhaben verhinderte leider die Coronapandemie. Als alternative Formate wurden zwei Onlinekonferenzen konzipiert, um den Austausch und die Vernetzung der Programmverantwortlichen an den vhs zu ermöglichen und den Semesterschwerpunkt strukturell zu rahmen. Die erste Konferenz fand am 09./10. November 2020 unter dem Titel: Wie wollen wir leben – Bildung für eine nachhaltige Volkshochschule, statt, die zweite ist für den November 2021 derzeit in Planung. Beide Konferenzen werden federführend durch den BAK PGU geplant, sie richten sich aber an Leitungskräfte, Programmplanende und vhs-Mitarbeitende aller Fachbereiche. Auf diese Weise sollte es gelingen, die fachliche und didaktische Expertise zum Thema BNE, die bislang vor allem im Bereich der gesellschaftspolitischen und der klassischen Umweltbildung liegt, auch in die anderen Programmbereiche zu transportieren und dort nachhaltig zu verankern. Als sehr hilfreich, und aufgrund der Einschränkungen durch die Pandemiesituation besonders wertvoll, erwies sich zudem das schon bestehende Netzwerk der vhs.cloud. Mit der vhs.cloud verfügt der DVV über eine Vernetzungsplattform für die vhs und ihre Verbände, die sowohl den fachlichen Austausch im Netzwerk ermöglicht als auch als digitale Lernplattform für die Teilnehmenden von großem Nutzen ist. Über 800 vhs und fast 800.000 Kursmitglieder sind aktuell auf der Plattform registriert.2 Hier konnte die bereits bestehende Netzwerkgruppe BNE – Angebote an Volkshochschulen“ genutzt und ausgebaut werden, um Best-Practice-Beispiele im Bereich BNE zu sammeln, Veranstaltungen zu bewerben, fachdidaktisches Material zu sammeln und in regelmäßigen Jours fixes in den direkten Austausch zu kommen.

Auf inhaltlicher Ebene bieten die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ein hilfreiches Kategorien- und Zuordnungssystem für alle Fachbereiche der vhs. Zum einen können bereits bestehende Programmangebote einzelnen Zielen zugeordnet werden und auf diese Weise schnell auch Überschneidungen mit anderen Fachbereichen sichtbar gemacht werden, etwa durch die Kennzeichnungen in den Programmheften der vhs.3 Zum anderen können anhand der einzelnen Ziele Ableitungen gezogen werden, welche konkreten Fragestellungen sich dabei für den eigenen Fachbereich ergeben. Als begleitende Veranstaltungsreihe zum Semesterschwerpunkt hat der DVV in Kooperation mit Engagement Global im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Stadt.Land.Welt – Web“ die 17 Entwicklungsziele aufgegriffen. In den einzelnen Veranstaltungen werden Expertinnen und Experten nach dem Stand der Umsetzung der einzelnen Ziele befragt, und auf diese Weise wird für die teilnehmenden vhs ein Format angeboten, das fachbereichsübergreifend beworben und angeboten werden kann.4

3 Resümee

In Zeiten schnellen gesellschaftlichen Wandels ist die Erwachsenenbildung mit ihrem grundlegenden Konzept des lebenslangen Lernens in besonderem Maße gefordert und in der Lage, die Ansätze der BNE breiten Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen. Der vhs-Semesterschwerpunkt Weiterbildung für nachhaltige Entwicklung im Frühjahr 2021 verfolgte das Ziel, die BNE über die Fachbereichsgrenzen hinweg im Bildungsangebot der vhs zu verankern. Der Semesterschwerpunkt und die ihn begleitenden Formate wurden insgesamt seitens der vhs rege aufgenommen. Das vom DIE 2019 für das Programmangebot der vhs für den Themenkomplex „Nachhaltigkeit“ diagnostizierte Übergewicht im Bereich gesellschaftspolitischer und klassischer Umweltbildung ist allerdings nach wie vor erkennbar, wurde aber durch Ansätze fachbereichsübergreifender Zusammenarbeit in den Einrichtungen selbst bereits aufgebrochen. Der Semesterschwerpunkt 2021 ist insgesamt ein wichtiger Schritt hin zur nachhaltigen, fachbereichsübergreifenden Verankerung von BNE im Programmangebot der vhs. Er muss gleichzeitig als Auftakt eines längeren, kontinuierlichen Prozesses begriffen werden. Mit der Verankerung des Themas im aktuellen Arbeitsprogramm des Vorstands nimmt der DVV diese Aufgabe auch in den nächsten Jahren ernst und die zukünftig geplanten bundesweiten Semesterschwerpunkte können nicht nur die Programmarbeit, sondern auch die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit in den Volkshochschulen voranbringen.

Literatur

Burdukova, G. (2019, Juli). Nachhaltigkeit als Thema in den Programmen und Angeboten der Volkshochschulen im Zeitverlauf. Programmanalysen auf der Basis des digitalen Volkshochschulprogrammarchivs am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. texte.online. http://www.die-bonn.de/id/37081

DVV – Deutscher Volkshochschul-Verband e. V. (Hrsg.) (2011). Die Volkshochschule. Bildung in öffentlicher Verantwortung. Bonn: DVV.

Kempmann, M. & Rex, S. (2018). Transformation des Bildungswesens. Volkshochschulen sind dabei! Hessische Blätter für Volksbildung, 68(2), 137–144.

Look, A. v. & Heinold-Krug, E. (2019, Dezember). Handreichung. Bildung für nachhaltige Entwicklung an Volkshochschulen. https://www.volkshochschule.de/medien/downloads/verbandswelt/programmbereich/gesellschaft-politik-und-umwelt/Bildung-fuer-nachhaltige-Entwicklung-an-Volkshochschulen.pdf

Autoren

Sascha Rex, Leiter der Stabsstelle Grundsatz und Verbandsentwicklung im Deutschen Volkshochschul-Verband e. V. mit Sitz in Bonn.

Philip Smets, Referent in der Stabsstelle Grundsatz und Verbandsentwicklung im Deutschen Volkshochschul-Verband e. V. mit Sitz in Bonn.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 20.05.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication after qualitative review by the editorial conference on 20th May 2021.

Vgl. für weitere Informationen zur Nationalen Plattform BNE https://www.bne-portal.de/de/gremien-der-deutschen-umsetzung-1723.html.

Für weitere Informationen zur vhs.cloud vgl. https://www.vhs.cloud.

Eine Sammlung bestehender Programmangebote zum Thema BNE wird kontinuierlich erweitert, vgl. https://www.volkshochschule.de/17ziele.

Vgl. für weitere Informationen zur Reihe „Stadt.Land.Welt – Web“ https://www.volkshochschule.de/stadt-land-welt-web.