Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (2)

DOI: 10.3278/HBV2102W010

ISSN: 0018-103X     wbv.de/hbv     hessische-blaetter.de

Digitalität als Ort der Ausgrenzung und sozialer Gerechtigkeit

Matthias Sturm

Zusammenfassung

Die Coronapandemie und die daraus resultierenden Einschränkungen von persönlichen Kontakten zu Menschen, die in unterstützenden Einrichtungen, bei Bildungsanbietern, öffentlichen Dienstleistern und privaten Unternehmen arbeiten, haben zu Bedenken geführt, dass marginalisierte Mitmenschen die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihre Lebensbedingungen nicht abmildern können. Dieser Beitrag rückt Fragen zur digitalen Kluft in den Vordergrund und diskutiert sie durch eine Perspektive miteinander verbundener Schichten, die bestehende Machtstrukturen und anhaltende systemische Ungleichheiten besser erfassen.

Stichwörter: Digitalisierung; Digitalität; digitale Kluft; Literalität; soziale Gerechtigkeit; Ausgrenzung

Abstract

The COVID-19 pandemic and resulting closures of in-person interactions with support programs, education providers, government services, and consumer offerings has given rise to concerns that marginalized fellow citizens are not able to mitigate the effects of the digital divide on their lives. This essay brings issues of the digital divide to the forefront, discussing it though a lens of interrelated layers that better capture existing power structures and persisting systemic inequalities.

Keywords: digitalisation; digitality; digital divide; literacy; social justice; exclusion

1 Einleitung

Seit Corona beschäftigen uns Fragen zur Auswirkung der Digitalisierung auf unsere Mitmenschen. Die Digitalität oder die Bedingungen, unter denen wir in einer zunehmenden digitalen Kultur leben, sind durch die Digitalisierung mit sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten verknüpft (vgl. Schier 2018). In meiner Arbeit in Kanada, in der Alphabetisierung und Grundbildung sowie in Sprachunterrichts- und Niederlassungsangeboten für Migrantinnen und Migranten, stelle ich diese immer engere Verknüpfung seit 20 Jahren fest. Mittlerweile beschäftige ich mich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen intensiv mit dem Phänomen der Digitalität, besonders in Bezug auf den digitalen Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und Lernangeboten für marginalisierte Mitmenschen, die immer öfter nur online zur Verfügung stehen.

Im Vergleich zu anderen Ländern, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untersucht, hat Kanada den größten Anteil an Menschen, die beim Lesen von Texten und Lösen von Problemen online sowohl die höchsten als auch die niedrigsten Ergebnisse erreichen. In der höchsten Qualifika­tionskategorie sind es 7 % (OECD-Durchschnitt: 6 %), aber von größerer Bedeutung ist die Bewertung von 15 % in der niedrigsten Qualifikationskategorie (vgl. Council of Ministers of Education, Canada 2013).

In Deutschland waren die Ergebnisse der ersten PIAAC-Studie der OECD (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) 2012 mit 7 % und 14 % ähnlich. Diese disproportionierte Verteilung trifft auch auf andere EU-Länder und die Vereinigten Staaten zu, aber z. B. hat Japan bei 8 % in der höchsten und niedrigsten Qualifikationskategorie eine ausgeglichene Verteilung. Zudem hat die deutsche Studie LEO 2018 u. a. Literalität und digitale Praktiken untersucht und festgestellt, dass Leben mit geringer Literalität eine seltenere Nutzung von Rechnern mit Internetzugang, aber eine regelmäßige Nutzung von Sprachnachrichten, Videotelefonie und sozialen Netzwerken bedeuten kann (vgl. Grotlüschen et al. 2019, S. 31). Neue PIAAC-Ergebnisse wird es ab 2022 geben, allerdings verdichten sich besonders im Coronajahr die Anzeichen, dass sich an der disproportionalen Verteilung nicht viel ändern wird.

2 Es ist eine alte Geschichte

Van Deursen und van Dijk haben darauf hingewiesen, dass sich die soziale Kluft vergrößert, weil das Internet nicht nur soziale Ungleichheit reproduziert, sondern diese Entwicklung beschleunigt (vgl. Deursen & Dijk 2014). Ihre Studie hat eine Reihe von Unterschieden beim Einsatz von neuen Technologien identifiziert, die auf Differenzen in der Intersektionalität von Herkunft, Geschlechtsidentität, Alter, Bildung und Erfahrung mit dem Internet zurückzuführen sind. Sie kommen zu dem Schluss, dass „das Internet, wenn es reift, zunehmend bekannte soziale, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen der Offline-Welt widerspiegelt und das einschließlich der Ungleichheiten“ (ebd, S. 507). Robinson et al. (vgl. 2015) haben auch festgestellt, dass die „Offline-Achsen der Ungleichheit“ weiter zu den Unterschieden beitragen, die viele Menschen erfahren.

Selwyn (vgl. 2004) beschreibt verschiedene Ebenen der digitalen Kluft, und Haight et al. (vgl. 2014) hilft dabei, nicht nur die Intersektionalität der Nutzungsunterschiede zu konzipieren, sondern auch die Bedeutung der zweiten und dritten Ebenen der digitalen Kluft, die häufig übersehen werden. Selwyns Ebenen einer sinnvollen, relevanten und ergebnisreichen Nutzung des digitalen Zugangs beschreiben eine schrittweise Verbesserung der Lebensqualität, während Haight et al. den digitalen Zugang als ein Zusammenspiel von drei Kluften betrachten, die es gleichzeitig zu überbrücken gilt. Haight et al. konzentrieren sich auf soziale Konnektivität und deren Auswirkungen auf das Sozialkapital, aber ihre Sicht auf den digitalen Zugang ist auch im Hinblick auf das Kulturkapital wertvoll. Beide argumentieren, dass die digitale Kluft fortbesteht und dass die Kluften der weiteren Ebenen eine wichtige Rolle bei der Nutzung des digitalen Zugangs spielen. Beide stützen sich auf Bourdieus (vgl. 1977; 1990) Konzept des Sozial- und Kulturkapitals, das den individuellen Nutzen gesellschaftlicher Zugehörigkeit und der Bildung umschreibt. Insbesondere haben Haight et al. (vgl. 2014), van Deursen und van Dijk (vgl. 2014) und andere argumentiert, dass Unterschiede in Einkommen, Alter, Bildung und Einwanderungsstatus sowie die Frage, ob man in einer städtischen oder ländlichen Gemeinde lebt, negative Auswirkungen der Digitalisierung auf marginalisierte Menschen verstärken.

Robinson et al. (vgl. 2015) sprechen davon, dass die Digitalisierung bestehende soziale Ungleichheiten verstärkt, indem sie bereits bestehende Unterschiede überträgt. Zu den Zugangsunterschieden der ersten Ebene kommt eine geringere Teilnahme an der digitalen Kultur in der zweiten Ebene hinzu, z. B. in Bezug auf Onlineaktivitäten und deren Wirksamkeit. Größere Verantwortung für den Umgang mit benötigten Ressourcen wird auf Benutzer*innen von Onlinediensten übertragen. Robinson et al. stellen weiter fest, dass „man die soziale Landschaft des 21. Jahrhunderts nicht verstehen kann, ohne sich mit digitalen Ungleichheiten auseinanderzusetzen“ (ebd., S. 571), und dass sich „Wissenschaftler mit der digitalen Ausgrenzung mit der erneuerten [Verteilung von bestehenden; Anmerkung d. Verf.] Machtverhältnissen auseinandersetzen müssen“ (ebd., S. 578). Darvin (2018, S. 42) plädiert dafür, dass wir digitale Richtlinien für Gesellschaft und Bildung brauchen, die diese Ungleichheiten berücksichtigen, damit „Chancengleichheit bei der Entwicklung wertvoller digitaler Kompetenzen“ gewährt ist.

3 Die digitale Kluft

In diesem Sinne lohnt es sich, die digitale Kluft immer wieder zu hinterfragen und neu zu definieren. Ich will das mit drei fließend miteinander verbundenen und in­einandergreifenden Schichten tun: Verbindung, Aktivität und Vorteile. Diese sind nicht eben oder voneinander getrennt, sondern geschichtet und durchlässig, weil besonders erwachsene marginalisierte Menschen einfallsreiche Nutzer*innen neuer Technologien sind, die sich durch alle Schichten der digitalen Kluft hindurch Herausforderungen des digitalen Zeitalters stellen. Es werden auch die Auswirkungen der Intersektionalität auf die Onlinenutzung von Informationen und Dienstleistungen durch Erwachsene anerkannt. Eine Konzeption, die sich an durchlässigen Schichten orientiert, entspricht außerdem der Theorie der Erwachsenenbildung, in der es wichtig ist, die Lebenserfahrungen von Erwachsenen anzuerkennen und einzubinden.

Da die Schichten sich in ihrer Durchlässigkeit überschneiden, müssen sie gleichzeitig und nicht nacheinander angegangen werden, und dies durch nachhaltige, substanzielle und koordinierte Anstrengungen, die das Recht auf erschwinglichen universellen Internetzugang, digitale Lernmöglichkeiten und gesellschaftliche Teilnahme anerkennen. Visuell als WLAN-Symbol in Abbildung 1 dargestellt werden eine Reihe von Problembereichen hervorgehoben: Die Wechselbeziehung und Zusammenhänge von Verbindung, Aktivität und Vorteilen; eine exponentielle Auswirkung, wenn alle Ebenen gleichzeitig angesprochen werden; eine wachsende und durchdringende Beteiligung an der Gesellschaft; und die Verbreitung mobiler Technologien in persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen.

Abbildungen

Abbildung 1: Drei Schichten der digitalen Kluft (Pinsent-Johnson & Sturm 2020, S. 4)

  1. Verbindung („connection): Unterschiede in der Art und Weise, wie Menschen eine Verbindung zum Internet herstellen können
  2. Aktivität („activity“): Unterschiede in der Art und Weise der Onlineaktivitäten, an denen sie teilnehmen können
  3. Vorteile („benefits“): Unterschiede in der Art und Weise, wie sie von Interaktionen mit Inhalten, Dienstleistungen und Netzwerken profitieren, die nur online verfügbar sind

4 Die digitale Kluft der Verbindung

Die Kosten für Internetdienste, Flatrates für Mobiltelefone oder den Besitz des richtigen digitalen Endgeräts zusammen mit anderen Faktoren führen dazu, dass überraschend viele Menschen zu Hause keine Internetverbindung haben. Zudem verwenden Umfragen immer öfter eine Methodik der Online-zuerst- oder Nur-online-Informationserfassung. Der Versuch, die Auswirkungen von Zugangsunterschieden besser zu verstehen, wird daher immer schwieriger. Die jüngsten Ergebnisse der Umfrage zur Benutzung des Internets in Kanada (CIUS) zeigen, dass 19 % mit den niedrigsten Einkommen zu Hause keinen Internetzugang haben (vgl. Statistics Canada 2019). Allerdings wurde diese Umfrage online durchgeführt und hat möglicherweise die Teilnahme von marginalisierten Menschen eingeschränkt. Die Zuverlässigkeit der Daten wurde infrage gestellt, da sie online gesammelt wurden (vgl. Pinsent-Johnson & Sturm 2020, Endnote 3; Smythe 2020, Abs. 4). In der Tat nimmt die Zahl der Haushalte mit Internetverbindung zu, aber man muss sich auch fragen, ob Menschen ohne Verbindung zum Internet daheim oder ohne die nötigen digitalen Endgeräte und Fähigkeiten, diese zu ihrem Vorteil einzusetzen, in dieser Zahl vollständig vertreten sind.

Nicht berücksichtigt in dieser Statistik sind Menschen, die über Prepaidhandys und nur ein begrenztes Datenvolumen verfügen und das Internet über öffentliches WLAN nutzen. Ein regionaler Schnappschuss ergab, dass 23 % der Erwachsenen auf öffentliches WLAN angewiesen sind (vgl. Sharkey 2015). Wenn öffentliches WLAN der primäre Verbindungsmodus ist oder zur Ergänzung zu begrenzten Datenvolumen und Prepaidhandys verwendet wird, müssen Menschen viel Zeit und Mühe zur Planung aufwenden, um eine Verbindung herzustellen. Sie sind auch anfälliger für Sicherheits- und Datenschutzverletzungen und müssen manchmal Risiken eingehen, wenn sie ihre persönlichen Daten offenlegen. Menschen mit niedrigen Einkommen verlassen sich mehr auf ihre Handys und nicht auf einen Rechner als primären Zugang zum Internet (vgl. CRTC 2018). Komplexe Aktivitäten wie das Ausfüllen eines Onlineformulars, die Verwendung einer Plattform für den virtuellen Unterricht oder die Durchführung umfangreicher Recherchen im Internet sind nahezu unmöglich.

5 Die digitale Kluft der Aktivität

Eingeschränkte Verbindungen zum Internet zu Hause führen zu Unterschieden, warum, wann, und wie Menschen auf Onlineinhalte zugreifen und diese Dienste nutzen. Kanadier*innen mit geringeren Einkommen und geringerem Bildungsstand tätigen halb so viel Bankgeschäfte online, besuchen halb so viele Webseiten öffentlicher Dienste, recherchieren halb so viele Angebote in den Gemeinden, laden halb so viele Apps herunter und tätigen halb so viele Anrufe wie ihre Mitmenschen mit höheren Einkommen und höherer Bildung. Es ist auch weniger wahrscheinlich, dass sie nach medizinischen oder gesundheitsbezogenen Informationen suchen oder das Internet für ihre Bildung, Ausbildung oder Weiterbildung nutzen (vgl. Pinsent-Johnson & Sturm 2020, S. 1; Statistics Canada 2012).

Menschen mit eingeschränktem Zugang, die möglicherweise zögern, das Internet zu nutzen, verbringen weniger als fünf Stunden pro Woche online (vgl. Ipsos 2015). Menschen mit niedrigen Einkommen geben auch einen höheren Prozentsatz ihres Budgets dafür aus, das Internet nutzen zu können, und sparen am Nötigsten, um dafür zu bezahlen (vgl. ACORN 2016). Menschen mit höheren Einkommen und ständigem Zugang zum Internet verfügen über mehr digitale Endgeräte und nutzen das Internet mehr als doppelt so häufig für den persönlichen Gebrauch während der Arbeit (vgl. Statistics Canada 2012). Auch erhalten bereits begünstigte Menschen weitere Vorteile durch ihre Arbeitgeber*innen, besonders in Bezug auf ihre Weiterbildung. Einen eingeschränkten Zugang zu haben bedeutet, dass Onlineaktivitäten weniger nachhaltig sind und sich auf das Lernen auswirken. Die Teilnahme an der Gesellschaft hängt von prekären Ressourcen ab und das verschärft den Mangel an Onlineaktivitäten weiter, insbesondere wenn vieles nur noch online geht.

6 Die digitale Kluft der Vorteile

Die Gesellschaft polarisiert sich, wenn nicht alle digital einbezogen werden. Mitmenschen, die von der digitalen Kultur ausgeschlossen sind oder nur eingeschränkten Zugang haben, verfügen nicht über die digitalen Mittel, um an den zunehmend nur online verfügbaren Interaktionen teilzunehmen. Sie sind nicht in der Lage, sich auf die neuen Technologien einzulassen und von einem Zugang zu ihnen zu profitieren. Bei nicht repräsentativer Teilnahme an der Gesellschaft haben öffentliche Dienstleistungen und private Unternehmen zunehmend ein unvollständiges Verständnis von Bürgerinnen und Bürgern sowie ihrer Kundschaft. Eine disproportionale Nutzung des Internets schadet also nicht nur Menschen mit geringeren Einkommen und geringerer Bildung, sondern auch den vom Steuerzahler unterstützten öffentlichen Dienstleistungen, die weniger effektiv sind, und führen dazu, dass Unternehmen möglicherweise niedrigere Renditen erzielen (vgl. Sturm & Pinsent-Johnson 2020, S. 1).

Die kanadische Internetbenutzungsumfrage CIUS 2018 ist selbst ein Beispiel für die disproportionale Nutzung der Vorteile des Internets. Kanadier*innen mit eingeschränktem Zugang nehmen mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit teil, und unser Verständnis der digitalen Kluft ist unvollständig (vgl. ebd., Endnote 4). Der Verbraucherschutzverband Keep Me Posted zeigt auf, dass 90 % der befragten Personen das Recht haben möchten, zu entscheiden, ob sie online oder analog kommunizieren. Eine andere Studie ergab, dass elektronisch versandte Rechnungen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu verspäteten Zahlungen führen (vgl. Keep Me Posted North America 2020b, Abs. 5 f.). Während der Coronapandemie „nutzen einige Dienstleister die Unsicherheit der Verbraucher, indem sie vorschlagen oder verlangen, dass ihre Kunden aus Hygienegründen papierlos arbeiten.“ (Keep Me Posted North America 2020a, Abs. 1)

7 Corona erzählt dieselbe Geschichte

Die Coronapandemie enthüllt viele der verborgenen sozialen Ungleichheiten. „Wenn so etwas wie Corona eintritt, sehen wir wirklich, was passiert, wenn wir [soziale Ungleichheiten; Anmerkung d. Verf.] nicht priorisieren. Wir sehen, wie weit Menschen zurückgelassen werden.“ (Jacobson 2020, Abs. 4, unter Berufung auf Laura Tribe, Direktorin von Open Media). Die Möglichkeiten, die es Menschen ermöglicht haben, ihren begrenzten und prekären Zugang zum Internet zu ergänzen, waren zwar aufwendig, aber mit der Schließung öffentlicher Einrichtungen sind sie verschwunden. Menschen sind immer wieder gezwungen, Entscheidungen darüber zu treffen, welche Grundbedürfnisse sie sich leisten können.

Käpplinger und Lichte (vgl. 2020, S. 19) schreiben, dass das Virus nicht zwischen sozialen Schichten unterscheidet, aber dass die Maßnahmen der Eindämmung der Infektionsraten viel Aufschluss über die Gesellschaft und die soziale Gerechtigkeit geben. Ich würde weiter in Anlehnung an posthumane Perspektiven argumentieren, dass das Virus ein Beispiel für systemische Ungleichheiten ist. Es unterscheidet in diesem Sinne zwischen sozialen Schichten darin, dass seine Auswirkungen an mehreren Schnittstellen (Herkunft, Bildung, Standort, sozioökonomischer Status, Immigrationsstatus etc.) überproportional in gefährdeten Bevölkerungsgruppen vorhanden sind. Das Virus bedient sich derselben Strukturen, wie es der systemische Rassismus und andere Arten der Diskriminierung tun, die sich an der Intersektionalität marginaler Bevölkerungsgruppen orientieren. Darüber hinaus sind die Privilegien, die weniger marginalisierte Bevölkerungsgruppen genießen, wie ein geräumiges Zuhause und ein angemessener Internetzugang, der Homeoffice und digitales Lernen während der Coronapandemie ermöglicht, nicht von der Hand zu weisen.

Bestehende soziale Ungleichheiten werden überwiegen, wenn die digitale Kluft nicht gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit, Durchlässigkeit und Intersektionalität anerkannt wird. Ständiger Zugang zum Internet zu Hause, an der Arbeit und unterwegs ist nötig, um persönliche, gesellschaftliche und kommerzielle Aktivitäten zu fördern, um die Weiterbildung für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Onlineinhalten für alle möglich zu machen und damit den Zugang zu Informationen und Dienstleistungen sowie ein Recht auf die Vorteile des digitalen Angebots zu gewährleisten, die sich aus einem gerechten Zugang ergeben. Es sind kontinuierliche Anstrengungen erforderlich, nicht nur, weil sich die neuen Technologien schnell ändern, sondern vor allem auch, weil die Herausforderungen des gerechten Zugangs komplex sind und wir Gefahr laufen, dass sie weiterhin Bestand haben, ohne weitere Anstrengungen, die Auswirkungen der digitalen Kluft zu mildern.

Bund, Länder und Gemeinden überall spielen eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Mitmenschen dabei zu helfen, auf sich schnell ändernde und wachsende digitale Anforderungen zu reagieren, insbesondere wenn Regierungen und Unternehmen selbst diese Problematik verstärken, indem sie wesentliche Dienstleistungen online stellen und analoge Alternativen gleichzeitig abbauen. Möglichkeiten der Teilhabe an öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken und Büchereien in Bezug auf den Zugang und die Unterstützung zur Nutzung des Internets sowie Angebote für das digitale Lernen in der Erwachsenenbildung müssen konsequent unterstützt werden. Der Internetzugang zu Hause muss erweitert werden und erschwinglich sein, und digitale Endgeräte, die einfach zu bedienen und zu warten sind, müssen für alle bezahlbar sein. Die Vorteile, die sich aus dem digitalen Zugang ergeben, können nicht nur den Menschen vorbehalten sein, die in der Lage sind, ihr Sozial- und Kulturkapital zu nutzen. Das muss besonders für die Angebote gelten, die dazu konzipiert sind, marginalisierten Mitmenschen zu helfen, aber zunehmend nur online zur Verfügung stehen.

Literatur

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Autor

Matthias Sturm, Doktorand, Faculty of Education, Simon Fraser University.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 18.02.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article war accepted for publication following a qualitative review at the editorial meeting the 18th of November 2021.