Volkshochschulen können Krise!

Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (2)

DOI: 10.3278/HBV2102W008

ISSN: 0018-103X     wbv.de/hbv     hessische-blaetter.de

Volkshochschulen können Krise!

Interview1

Christiane Ehses (hvv) und Bernd Käpplinger (Uni Gießen) im Gespräch mit den Volkshochschulleitungen Torsten Denker (Landkreis Gießen), Elke Hohmann (Hanau) und Carsten Koehnen (Hochtaunus)

Ehses: Was heißt eigentlich für Erwachsenenbildung Krise? Sind die Volkshochschulen aktuell in einer Krise? Was würde dafür sprechen oder was würde dagegen sprechen?

Denker: Ich würde die Frage nach der Krise mit Ja beantworten. Die Grundvoraussetzungen unserer Leistungserbringung waren im letzten Frühjahr nicht mehr gegeben. Menschen konnten sich nicht mehr an Orten der Erwachsenenbildung treffen, um miteinander zu lernen. Nach einem Moment der Schockstarre haben wir überlegt: Ja, und jetzt? Wie können wir unserem gesetzlichen Auftrag Rechnung tragen und andere Formate entwickeln? Carsten hat das Thema Krise und den Begriff der Chance erwähnt. Es ist nicht nur eine Krise der Erbringung pädagogischer Dienstleistungen. Es ist auch eine Krise der Institutionen, eine finanzielle Krise, wenn wir uns anschauen, wie sich unsere Erlöse entwickelt haben im letzten Jahr. Es ist möglicherweise eine lange angebotsbezogene Krise und eine lange organisatorische Krise. Das ist eine Krise für viele Menschen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind. Ich blicke mal auf die vielen Lehrkräfte an unserer VHS, in Hessen und bundesweit, die im Grunde genommen von einem Moment auf den anderen kein Mandat mehr hatten, ihre Arbeitsleistung zur Verfügung zu stellen und dafür Honorare zu erhalten. Das ist eine beispiellose Krise der Erwachsenenbildung, wenn wir in die Geschichte der Erwachsenenbildung in den letzten 50 Jahren schauen.

Käpplinger: Wie sehen Sie das, Herr Koehnen und Frau Hohmann?

Koehnen: Ich übersetze den Begriff der Krise ein Stück weit mit Brüchen. So befinden wir uns momentan in einer fast schon existenziellen Krise. Unsicherheit auf allen Ebenen, sowohl finanziell, organisatorisch, planerisch, intern im Bereich der Beschäftigten, extern bei den freiberuflich tätigen Lehrkräften. Wir erleben Brüche, wir erleben Unsicherheit. Das ist eine Situation, die wir in dieser Form noch nie hatten. Sie unterscheidet sich von der Krise 2015. Weil wir in der Coronapandemie selbst Betroffene sind, während wir 2015 als Problemlöser*innen angesehen wurden. Die Bundesregierung hatte damals erkannt, welches Potenzial die Volkshochschulen haben, um zur Lösung des Problems beizutragen durch Deutschkurse, und das haben wir grandios damals gemeistert. Wir haben große Wertschätzung erfahren durch die Bundesregierung und die Landesregierungen. Das ist der gravierende Unterschied zwischen 2015 und heute. Heute finden wir kaum Gehör mit unseren Problembeschreibungen. Es gibt keinen Schutzschirm für die Volkshochschulen. Wir sind in einer veritablen Krise.

Hohmann: Was charakterisiert es denn, dass wir diese Situation als Krise empfinden? Wenn man Krise als ein Ereignis definiert, das sich als bedrohlich anfühlt, dann ist das eine Krisensituation. Seit März 2020 befinde ich mich als Verantwortliche für eine Organisation in der Situation, oft unter Handlungsdruck zu geraten, dringend Entscheidungen treffen zu müssen, teilweise nicht alle Informationen überblicken zu können oder nicht zu haben. Es besteht ein Anstieg von Unsicherheit: Wie geht das weiter? Wie wirkt sich das aus in der Zukunft? Ja, Krise hat auch immer Chancen. Die haben wir an vielen Stellen genutzt, aber alles unter einem hohen Druck. Die am stärksten Betroffenen sind die Kursleitungen, denn da geht es um Existenzen. Wir als Angestellte von Institutionen sind auch betroffen, aber wir müssen keine Angst haben um unseren Arbeitsplatz. Bei den Kursleitungen ist das anders. Da sind Existenzen aufgrund der finanziellen Situation bedroht. Die Teilnehmenden betrifft die Coronakrise natürlich auch. Ein Gespräch mit einer Teilnehmerin hat mich sehr berührt, die in der zweiten Lockdownphase zu mir sagte: „Ich lebe allein und der Kurs an der Volkshochschule ist im Moment noch mein einziger sozialer Kontakt nach draußen.“ Wir nehmen den Leuten etwas.

Käpplinger: Kann man sagen, dass die erste Krise Anfang 2020 war, und jetzt ist es eine zweite Krise? Oder passt das nicht und Sie sagen, dass sie seit März 2020 in der Dauerkrise sind?

Koehnen: Diese Monate waren geprägt von vielen Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen. Ob eine Einrichtung existenziell betroffen ist, hängt auch stark von der Rechtsform der Organisation ab. Wir als Vereinsvolkshochschule sind da meiner Ansicht nach stärker oder jedenfalls unmittelbarer bedroht. Es gibt da keinen Kreis, keine Stadt, die am Ende des Haushaltsjahres den Zuschussbedarf erhöht. Bei uns geht das direkt gegen die Rücklagen. Ich mache mir seit Beginn der Krise Sorgen, wie wir unsere Beschäftigten halten und die Organisation am Laufen halten können. Wir haben zwar einen Sonderzuschuss vom Kreis bekommen, aber es gibt die Haltung, dass die Vereinsvolkshochschulen sich erst einmal um sich selbst kümmern müssen. Ich habe die eine oder andere schlaflose Nacht deshalb. Ich denke, dass der zweite Lockdown eine andere Qualität hat. Es schlägt direkter durch. Man hatte die Erfahrungen des ersten Lockdowns verkraftet, war wieder so ein Stück auf der Überholspur und wurde erneut ausgebremst. Der Unterschied liegt für mich in der Verunsicherung auf allen Ebenen. Die Nachfrage ist jetzt viel zögerlicher, weil sowohl Dozierende als auch Teilnehmende sehr verunsichert sind. Wir haben in der zweiten Phase einen großen Teil unserer Stammkundinnen und Stammkunden verloren. Diese beiden Lockdownphasen haben ganz unterschiedliche Qualitäten.

Hohmann: Für alle Volkshochschulen wird sich die Frage stellen müssen, wie geht es finanziell weiter? Es macht einen Unterschied, ob eine Volkshochschule Teil einer größeren kommunalen Organisation ist oder nicht. Z. B. personalrechtliche Fragen in dieser Coronazeit sind innerhalb der Kommune als Organisation für mich quasi mit geklärt worden. Das ist ein Unterschied zur Vereinsvolkshochschule.

Koehnen: Ja, das kann ich bestätigen. Mein Eindruck war auch, dass die kommunalen Volkshochschulen unter der Flagge ihrer Kommunen etwas entspannter mitsegeln können. Sie werden als Abteilungen des Hauses mitgedacht. Da sind Vereinsvolkshochschulen ein Stück weit alleingelassen. Sie müssen sich alles mühsam selbst erarbeiten. Umso dankbarer war ich für Unterstützungen von Kolleginnen und Kollegen in der VHS-Familie.

Denker: Der zweite Lockdown hat eine andere Qualität. Aus rechtlicher Perspektive hat er eine andere Qualität. Nach der zweiten Coronaverordnung des Landes sind die Volkshochschulen nicht geschlossen, was eine Menge rechtliche Auswirkungen hat. Während des ersten Lockdowns gab es eine euphorische Goldgräberstimmung: Wir gehen digital und wir versuchen jetzt was. Das hat gut funktioniert. Nun ist es nicht mehr so leicht, Euphorie zu entfachen. Unsere VHS ist heute in einen freiwilligen Lockdown gegangen. Die Krise, die wir an Vereinsvolkshochschulen oder den gGmbHs sehen – ich halte es nicht für undenkbar, dass wir dies auch im Bereich der öffentlich verantworteten Volkshochschulen erleben werden. Es ist wichtig, dass wir uns auf allen Ebenen mit dem Thema Lobbyarbeit beschäftigen, dass wir deutlich machen, was der Beitrag von Erwachsenenbildung in solchen Situationen ist und warum es notwendig ist, in Erwachsenenbildung zu investieren. Es gibt so viele ehrenamtliche und kulturelle Initiativen, die kaputtgegangen sind. Ich sehe Chancen für die Erwachsenenbildung, die wir als Akteurinnen und Akteure der Erwachsenenbildung protegieren müssen gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Wir haben bewiesen, dass wir Krise können. Es ist Krise, aber es ist auch ein Katalysator. Vielleicht haben wir einen Eindruck bekommen, wie Erwachsenenbildung in der Zukunft aussehen kann: aus dem lernen, was passiert ist; die Krise als Lernchance begreifen.

Hohmann: Wir hatten im Frühjahr 2020 als Semesterthema „Digitalisierung“. Was ist der Beitrag von Volkshochschulen, um auf die Digitalisierung in der Gesellschaft zu antworten? Welche Anforderungen stellt das an unsere Organisation? Wir hatten uns überlegt, wie wir die Kursleitungen fortbilden und was wir bei der Ausstattung verbessern müssen. Aus diesen Überlegungen hat Corona Fakten geschaffen. Corona hat bei uns eine Innovation vorangetrieben, die sonst vielleicht sehr viel länger gedauert hätte.

Koehnen: Nach dieser ersten Lähmungsphase haben wir uns schnell auf die Hinterbeine gestellt und nach vorne geschaut. Wir haben die Entscheidung getroffen, dass wir nicht in neue Onlineformate investieren, sondern dass wir die bestehenden Kurse von Präsenz auf online überführen. Da gab es unterschiedliche Strategien an Volkshochschulen. Einige haben ihr Präsenzangebot gestoppt und ein Segment an Onlineformaten auf den Weg gebracht. Wir haben uns entschlossen, den anderen Weg zu gehen. Wir haben aus dem Stand 100 Kurse innerhalb von wenigen Wochen in den Onlinebetrieb überführt. Wir haben viele dankbare Rückmeldungen von Dozierenden und Teilnehmenden geerntet. Es war für uns der richtige Weg. Es wurde seit vielen Jahren über das Thema digitale Bildung gesprochen. Wenig davon ist gelaufen. Insofern hat Corona die Entwicklung beschleunigt. Mittlerweile gibt es kaum eine Volkshochschule, die in diesem Bereich nichts macht, weil wir erkannt haben, dies ist der Weg der Zukunft. Präsenz bleibt wichtig, aber der Weg in die digitale Zukunft ist vorgezeichnet. Vor Ort haben wir viel ausprobiert, und wir setzen jetzt auf hybride Formate. Da wollen wir investieren. Das ist nicht günstig, aber das ist der Weg, der zu uns passt. Wir sind trotz der Frustration durch den zweiten Lockdown einigermaßen positiv gestimmt.

Ehses: Für meine Organisation erlebe ich ein Zuwachs an Vertrauen, dass mobiles Arbeiten geht. Es ist ein Zuwachs an Vertrauen, wie selbst gesteuert Leute Lerngelegenheiten aufgreifen. Gilt das auch für die Volkshochschulen?

Denker: Wir haben eine Organisationsbegleitung zu diesem Thema. Wir hatten in der Vergangenheit durch ein Jahresprogramm langfristige Planungswege. Das hatte sich oft bewährt, aber eine kurzfristigere Planung bietet auch Möglichkeiten, verstärkt auf aktuelle Trends Bezug zu nehmen. Gerade als Flächenvolkshochschule ist Bedarfserhebung ein dialogischer Prozess: Gespräche mit Vereinen, mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, mit Initiativen und Aktiven vor Ort zu führen; nicht erst ein halbes Jahr oder ein Jahr später ein Angebot zu veröffentlichen, sondern ein bis drei Monate später. Im letzten Jahr haben wir sehr agil geplant. Wir haben nach dem Lockdown im letzten Jahr das komplette Semester erst ausgesetzt und dann abgesagt. Und dann auf einem weißen Blatt Papier neue digitale Angebote entwickelt: Onlinesprach- und gesundheitskurse, Lesungen, politisch-gesellschaftliche Talks. Aber auch methodisch-didaktisch haben wir viel dazugelernt – z. B. über unterschiedliche didaktische Konzepte von Onlineformaten wie Vorträge, wöchentliche Kurse, Tagesseminare bis hin zu Lernvideos. Wir haben in diesem Sommer oder im Frühsommer das Herbstsemester neu geplant, sodass uns deutlich wurde, dass wir uns in bisherigen Planungsprozessen beschnitten haben und uns Chancen genommen haben. Wir haben entschieden, dass die Zeitspanne zwischen Planung und Realisierung eines Bildungsangebotes kürzer sein muss. Wobei man programmbereichsbezogene Besonderheiten berücksichtigen muss. Wir werden den Prozess kontinuierlich evaluieren.

Koehnen: Zum Thema Agilität: Ja, intern sind wir agiler unterwegs. Wir gehen mittlerweile routiniert, fast schon spielerisch, mit den unterschiedlichen Möglichkeiten um, die uns digitale Kommunikation bietet. Wir sind viel schneller geworden. Mit dem Thema agile Planung tun wir uns noch etwas schwer. Wir sind da stark in diesen traditionellen Denkschemata verhaftet. Ein Semester hat sechs Monate. Wir spüren, dass unsere Teilnehmenden auch in diesen Denkstrukturen verhaftet sind – und da rauszukommen, das ist eine Aufgabe. Wir haben auf ein Programmheft nicht verzichtet, weil das die Bildungsheimat für unsere Kundinnen und Kunden ist. Davon wollen wir noch nicht absehen. Viele haben aber darauf verzichtet.

Käpplinger: Meine Eindrücke bei Onlineangeboten sind, dass dies kürzere Formate sind, oft wenige Stunden statt den klassischen Kurs mit 30 und mehr Stunden. Ich war überrascht, dass viel kostenlos war. Wie rechnet sich das? Liegt das an den kostenlosen Internetangeboten oder ist das Legitimation? Ich hatte den Eindruck, die Teilnehmenden waren jünger und eher ein überregionales Publikum. Wie sehen Sie etwaige Veränderungen beim digitalen Programmangebot?

Denker: Wir haben unterschiedliche Teilstrategien verfolgt, die auch programmbereichsbezogen waren z. B., bestehende Fremdsprachenkurse online zu transformieren. Wir haben mit „Probestunden“ gearbeitet, die erst mal kostenfrei waren. Wir haben gemerkt, dass Teilnehmende dann in das reguläre, gebührenfinanzierte Angebot übergehen. Wir hatten da keine Erfahrung vor Corona. Im Fremdsprachenbereich können wir sagen, das hat gut funktioniert. In Teilen der Gesundheitsbildung funktioniert es. Wir haben jüngere Neukundinnen und -kunden gefunden. Eine andere Situation hatten wir im Bereich der kulturellen und politischen Bildung. Da haben wir versucht, Formate wie kleine Lesungen und so weiter durchzuführen. Da sind wir mit gebührenfinanzierten Angeboten zunächst nicht weit gekommen. Wenn wir Angebote in regionalen Kooperationen anbieten, haben wir immer wieder eine gute Resonanz. Mit diesen regional-digitalen Ansätzen haben wir gute Erfahrungen gesammelt. Die dritte Teilstrategie lautet, qualitativ gute externe Bildungsangebote, z. B. von VHS.wissen, im eigenen Angebot zu verankern. Ziel ist es, die Programmbereichstiefe weiter zu schärfen.

Hohmann: Wie sich die digitalen Formate entwickeln, wenn wir wieder in Präsenz dürfen, da bin ich gespannt. Mit dem Lockdown gab es eine unheimliche Dynamik: Der Verband hat unterstützt und es ist schnell in kurzer Zeit viel passiert. Wir haben aber festgestellt: In der Phase, wo Kurse wieder in Präsenz gehen durften, war das Onlineangebot dann nicht mehr das Format der Wahl. Wir haben viel über unsere Teilnehmenden und ihre Bedürfnisse gelernt. Die sehen die Volkshochschule als einen Lernort, und auch als Ort der Begegnung. Insofern bin ich gespannt, wie sich die Nachfrage nach Onlineangeboten weiter entwickeln wird.

Koehnen: Die Wahrnehmung von Herrn Käpplinger kann ich bestätigen. Sie haben über die digitalen Formate gesagt: kostenlos, überregional, kurz und junge Zielgruppe. Das ist der Effekt digitaler Angebote. Das bringt eine Entgrenzung mit sich. Da liegen Chancen für unsere Teilnehmer*innen drin, die nicht mehr am Ort wohnen müssen, um ein Angebot wahrzunehmen. Die Gefahr besteht aber, dass wir uns so ein Stück weit kannibalisieren. Z. B. die Xpert Business Kurse: Das sind standardisierte Formate und es gibt keine Preisempfehlung. Wir befinden uns da in einer Art Wettstreit mit anderen. Entgrenzung bietet sowohl Chancen als auch Risiken.

Käpplinger: Gibt es einen Wettbewerb um Kursleitende? Der Kursleitende kann irgendwo sitzen bei einem Onlinekurs.

Denker: Das nehme ich noch nicht wahr. Vielleicht kommt es zu einer solchen Entwicklung. Im Moment nehmen wir das eher positiv wahr. Mit Lehrkräften können wir auf einmal andere Formate umsetzen und sehen, dass da bei einigen eine hohe Flexibilität besteht. Es ist ohne Weiteres möglich, bei einem Italienischkurs Menschen aus Italien zuzuschalten. Was ich sehe, sind Massen-E-Mails von Lehrkräften, die in die vhs.cloud gehen und ihre Angebote den Volkshochschulen anbieten. Es verändert sich. Ich finde es wichtig, das im Blick zu haben. Volkshochschule makelt nicht. Wenn ich nur noch fremd geplante Bildungsangebote übernehme, wo ist dann unser Auftrag? Da sehe ich schon eine Gefahr der Digitalisierung.

Und wir haben eine gute Situation, da wir schon vor Corona mit der Cloud begonnen hatten zu arbeiten. Wir haben dadurch die Möglichkeit, als Volkshochschule wahrnehmbar zu bleiben und auf aktuelle Bedarfe zu reagieren. Wir organisieren Schulungen für das Gesundheitsamt und mit ihm, z. B. für Ordnungsämter. Wir hatten einen zeitlichen Vorsprung vor manch anderen. Wir werden so positiv wahrgenommen.

Käpplinger: Inwiefern trägt Erwachsenenbildung dazu bei, den Menschen in der Krise zu helfen? Die Perspektive rumzudrehen: nicht nur Krise der Volkshochschule, sondern was die Volkshochschulen als Krisenhelfer leisten können?

Koehnen: Es gibt viele gute Beispiele, wo wir Volkshochschulen in dieser Situation als Problem- oder Krisenhelfer agieren können. Das fängt an bei Veranstaltungen zum Gesundheitsschutz. Das haben viele erfolgreich ausprobiert. Es gibt einen großen Bedarf an Wissen über Pandemien. Wir haben Seminare zum Thema Resilienz angeboten. Wir haben viele Lehrkräfte digital fit gemacht. Das war Entwicklungshilfe. Das ist einer der größten Erfolge, die Volkshochschulen sich in den letzten Monaten auf die Fahnen schreiben können. Auch wenn es sehr anstrengend war. Meine Fachbereichsleitungen sind in diesen Monaten auf dem Zahnfleisch gekrochen.

Denker: Wir hatten im Herbst immer eine wahnsinnig gute Auslastung unseres Volkshochschulhauses, natürlich mit weniger Teilnehmenden, Stichwort: Mindestabstände. Wir haben gesehen, dass sich viele Menschen nach Präsenz sehnen.

Hohmann: Volkshochschulen können Krise! Dann sind die Volkshochschulen da. Das war im Jahr 2015 so und auch jetzt 2020/21. Das steckt uns in den Genen als Volkshochschule. Wenn es wieder möglich ist, gehen wir in Präsenz, wenn es nicht mehr möglich ist, dann gehen wir online. Dieses unheimlich schnelle Reagieren auf gesellschaftliche Situationen, das finde ich beachtlich. Das zeichnet uns aus.

Käpplinger: Wir alle erleben Extreme. Von Coronaleugnern bis hin zu denjenigen, denen die Maßnahmen gar nicht scharf genug sein können. Es ist eine aufgeladene gesellschaftliche Diskussion. Wie erleben Sie das?

Hohmann: Wir haben es aufgegriffen als ein digitales Format zu Fake News und Verschwörungstheorien, aber nicht auf Corona bezogen. Innerhalb der Organisation habe ich eine klare Haltung. Kursleitungen, die der Meinung sind, Corona ist nicht mehr als ein Schnupfen – da kann ich nur sagen, dann ist im Moment für diese Kursleitung ein Unterrichten bei uns nicht möglich. Politisch ist in Hanau Sicherheit das oberste Gebot und dahinter stehen wir als VHS.

Koehnen: Wir führen intern die eine oder andere Diskussion. Muss das jetzt sein oder kann man vielleicht weniger streng agieren? Aber wir sind ganz klar auf der Linie der Politik. Wir sind restriktiv bei Dozierenden, die sich kritisch äußern, die bestimmte Maßnahmen nicht mittragen wollen. Da gibt es keinen Spielraum. Bei Teilnehmenden sind wir auch stringent. Die Diskussion in ein Bildungsformat zu gießen, erschien uns zu heikel. Dieses heiße Eisen wollten wir nicht anfassen.

Denker: Was das Personal angeht, sind wir restriktiv. Die Kollegen und Kolleginnen äußern, dass sie dankbar sind, dass es so ist. Wir haben das Thema Hygieneregeln genutzt, um im Sommer Öffentlichkeitsarbeit für unsere Angebote zu machen. Um Sicherheit zu geben, dass bestimmte Standards eingehalten werden. Wir haben das Thema „Umgang mit Corona“ nur einmal im Lockdown im Rahmen einer Talkveranstaltung online angesprochen und haben versucht, das Ganze philosophisch anzugehen.

Käpplinger: Wer hat 2015 entschieden, die Volkshochschulen sind der Krisenhelfer? Wo könnten 2021 die politischen Akteurinnen und Akteure sein, die so entscheiden?

Koehnen: Der große Vorteil 2015 war, dass wir ein Alleinstellungsmerkmal hatten. Es gibt keine andere Institution in Deutschland, die mehr oder weniger aus dem Stand flächendeckend in allen Regionen Deutschlands Deutschkurse für Geflüchtete auflegen kann. Wir haben das in bravouröser Manier hinbekommen. Wir wussten, was wir zu tun haben, und das hatte damals viel damit zu tun, dass der DVV als unser Dachverband sehr eng an der Bundespolitik dran war. Das ist heute anders. Wir setzen auf die digitale Karte. Da ist der DVV sehr aktiv. Wir haben aber nicht mehr dieses Alleinstellungsmerkmal wie 2015, weil in digitale Bildung gehen mehr oder weniger alle Bildungsträger hinein. Insofern gibt es da einen gravierenden Unterschied.

Käpplinger: Was wird 2044 in einer Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum über 2020 stehen?

Hohmann: Ich fände es spannender, den Blick zu wenden. Wie sieht es in zwei Jahren aus? Da hätte ich gern eine positive Vision, nämlich, dass die Volkshochschulen diese Krise mit Bravour gemeistert haben. Das ist ein hoffnungsvolles Bild: Wie ist es uns gelungen, aus dieser Phase gestärkt herauszugehen? Und nicht: Wie viele Federn haben wir lassen müssen aufgrund der Krise?

Koehnen: Ich glaube, dass man rückblickend feststellen wird, dass 2020 ein Jahr der Zäsur und des Aufbruchs gleichermaßen war. Corona war ein Beschleuniger, was digitale Angebote angeht. Man wird aber auch festhalten, dass digitale Bildung nicht alles ist; dass Volkshochschule mit ihrer Rolle als Ort der Begegnung in Präsenz nach wie vor eine wichtige Bedeutung hat. Es gibt ein tiefes Bedürfnis nach echter sozialer Nähe und diese Nähe kann digitale Bildung nicht in der gewünschten Tiefe bieten. Man wird sagen, 2020 hat eine Renaissance der sozialen Nähe mit sich gebracht.

Käpplinger: Gibt es für Sie noch unausgesprochene Dinge, die Ihnen noch wichtig wären?

Hohmann: Ihre Frage zu der ungewöhnlichsten Entscheidung fand ich spannend, weil ich im Jahr 2020 viele ungewöhnliche Entscheidungen getroffen habe. Dazu gehörte es z. B., Kurse absagen zu müssen, die voll belegt waren, die gelaufen wären. Noch schmerzhafter war es, das Gebäude zu schließen. Das widerspricht dem Verständnis unserer Arbeit.

Koehnen: Ein Aspekt hat mich in den letzten Tagen beschäftigt. Es gab bei dem zweiten „Lockdown light“ die Empfehlung des DVV, nur die Kurse an den Start zu bringen, die abschlussorientiert sind und in dem Kontext der beruflichen Bildung verortet sind. Damit hadern wir. Wir haben intern darüber gesprochen, welches Verständnis dahintersteckt. Wir reden seit Jahren über ein ganzheitliches Verständnis von Bildung, wo der Kreativkurs genauso viel wert ist wie der Xpert Business Kurs. So fanden wir die Empfehlungen nicht zielführend oder zumindest diskutabel. Die Verordnung besagt, Kurse dürfen stattfinden, wenn die Auflagen erfüllt sind. Es gab für uns deshalb keine Notwendigkeit, nach Inhalten zu differenzieren, sondern vorrangig war für uns der Gesundheitsschutz. Wenn der erfüllt war, haben wir alle Kurse in Präsenz belassen.

Ehses: Danke euch.

Käpplinger: Dem kann ich mich nur anschließen. Ganz herzlichen Dank für das Interview!

Den Teilnehmenden wurde im Vorfeld ein Leitfaden versendet, der dem Interview als offene Rahmung und den Beteiligten als Reflexionshilfe dienen sollte. U. a. wurde die Frage nach der ungewöhnlichsten Entscheidung im Jahr 2020 gestellt.