Chancen und Herausforderungen einer Online-VHS

Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (2)

DOI: 10.3278/HBV2102W007

ISSN: 0018-103X     wbv.de/hbv     hessische-blaetter.de

Chancen und Herausforderungen einer
Online-VHS

Volkshochschulen auf dem Weg zur Digitalisierung
von Bildung

Ulrich Klemm, Mathias Repka

Zusammenfassung

Nicht erst seit der Coronapandemie hat die Digitalisierung auch die Erwachsenenbildung/Weiterbildung erreicht. Insbesondere bei den Volkshochschulen führt dies zu einer Diskussion über ihr basales Strukturprinzip der lokalen Verortung als Ausgangspunkt für Programmplanung und Marketing. Dieses Territorialprinzip verliert angesichts einer zunehmenden Digitalisierung von Bildung an Bedeutung. Diese Herausforderung hat der Sächsische Volkshochschulverband aufgegriffen und eine Plattform für Onlineangebote aller sächsischen Volkshochschulen 2020 entwickelt. Die Hintergründe und Rahmenbedingungen dieser Online-VHS werden im Folgenden kritisch reflektiert.

Stichwörter: Volkshochschule; Digitalisierung; Onlineangebote; Onlineplattform; Online-VHS; Wettbewerb

Abstract

Not only since the Corona pandemic has digitalisation also reached adult education/continuing education. Especially for adult education centres, this leads to a discussion about their basic structural principle of local location as a starting point for programme planning and marketing. This territorial principle is losing importance in the face of an increasing digitalisation of education. The Saxon Adult Education Association has taken up this challenge and developed a platform for online offers of all Saxon Adult Education Centres 2020. The background and framework conditions of this online adult education centre are critically reflected in the following.

Keywords: adult education centre; digitisation; online offers; online platform; online VHS; competition

1 Einleitung

Seit der Coronapandemie hat der Digitalisierungsdiskurs in der Erwachsenenbildung deutlich an Fahrt aufgenommen und ist zu einer aktuellen Herausforderung geworden. In den Volkshochschulen führte dies u. a. zu einer grundsätzlichen Diskussion über das Verhältnis von digitalen und analogen Angeboten: Einerseits erkennen Volkshochschulen digitale Bildungsformate als Chance, ihren Auftrag „Bildung für alle“ noch wirksamer erfüllen zu können, andererseits wird durch mehr Onlineangebote von Volkshochschulen auch die Frage nach der Zukunft des Territorialprinzips aufgeworfen. Seit ihren ersten Gründungen vor über 100 Jahren ist ein Grundprinzip der VHS-Bildungsarbeit die Vor-Ort-Orientierung, d. h. die Ausrichtung an kommunalen und regionalen Bedarfen und Bedürfnissen. Diese Leitidee, die Planungssicherheit durch eine Orientierung am regionalen Markt in der Programmstrategie bietet, verliert mit der Digitalisierung an Relevanz. Es findet eine Entgrenzung des Zugangs zu Bildungsangeboten statt. Die Digitalisierung von Bildung führt zu einer Entgrenzung und Enträumlichung der Angebots- und Planungskultur und zwingt zu einem Umdenken. Der Weiterbildungsmarkt ist für die Volkshochschulen nun nicht mehr nur regional verortet, sondern auch national und global. Dieser digitale Strukturwandel hat für die Volkshochschulen die Qualität eines Paradigmenwechsels und Konsequenzen für das Selbstverständnis.

Vor diesem Hintergrund hat der Sächsische Volkshochschulverband (SVV) 2020 eine „Online-VHS“ gegründet, d. h. eine VHS-übergreifende Onlineplattform, auf der alle Onlineangebote der sächsischen Volkshochschulen gebündelt und gemeinsam vermarktet werden. Die Intention dazu ist multiperspektivisch: Neben dem Marketingaspekt, die Leistungsfähigkeit der Volkshochschulen hinsichtlich ihrer Onlineexpertise darzustellen, geht es vor allem um eine zukünftige überregionale Programmkoordinierung der 15 Volkshochschulen in Sachsen. Es wird bei der Programmplanung in den einzelnen Einrichtungen zunehmend bedeutsamer, sich mit anderen Einrichtungen und Kollegien abzusprechen, Doppelungen zu vermeiden und Schwerpunkte zu setzen. In diesem Sinne benötigt die Digitalisierung von Bildung auch eine neue Kooperationskultur der Bildungseinrichtungen, die den traditionellen institutionellen Egoismus überwinden muss.

Dies ist ein schwieriger und vermutlich auch nicht schneller Prozess, da er liebgewonnene Gewohnheiten, die als kollektive Narrative in der VHS-Kultur fest verankert sind, überwinden muss. Hinzu kommt etwas Elementares: Die Finanzierungsstrukturen und die kommunale Anbindung der VHS orientieren sich bei der Programmausrichtung am Territorialprinzip. Eine zentrale Frage wird sein, wie Regionalisierung und Globalisierung in der Erwachsenenbildung zusammengebracht werden können? Ist der Träger einer kommunalen sächsischen VHS bereit, von ihm mitfinanzierte digitale Angebote nicht nur für die regionale Bevölkerung bereitzustellen, sondern auch für Teilnehmer*innen aus anderen Regionen Deutschlands zu öffnen? Diese bildungspolitische Diskussion ist neu für kommunale Volkshochschulen und steht am Anfang.

Mit der Plattform www.online-vhs-sachsen.de versuchen die sächsischen Volkshochschulen erste Antworten zu geben und einen operativ orientierten Diskurs zu führen. Die Plattform wird als ein Zukunftslabor für eine Neuausrichtung angesichts der Digitalisierung von Bildung verstanden. Seit dem Frühjahr 2020 geht der SVV in diesem Sinne neue Wege bei der Programmentwicklung und der Vermarktung von Onlineangeboten auf der Ebene eines Bundeslandes. Im Frühsommer 2020 zeigte sich die Angebotssituation in Sachsen dergestalt, dass es – auch katalysiert durch die ersten pandamiebedingten Schließungen von Volkshochschulen – eine hinreichende Anzahl von ca. 200 Onlineangeboten an sächsischen Volkshochschulen gab, zwar noch nicht in gleichem Maße von allen Volkshochschulen und in allen Fachbereichen, jedoch ausreichend für eine erste Bündelung. Dringend erforderlich war in dieser Phase die Sichtbarmachung vorhandener Onlineangebote. Im Mai 2020 wurden vom SVV die Pläne zur Online-VHS Sachsen operationalisiert und die erste Variante einer Vermarktungsplattform installiert.

Diese digitale Ausrichtung der Volkshochschulen wird aber auch durch einen internen kritischen Diskurs begleitet, der das Spannungsverhältnis von Bildungsauftrag und Marktorientierung vor Augen hat. Einerseits arbeiten die Volkshochschulen mit ihrem Programm „am Markt“, da sie einen Großteil ihres Haushalts mangels öffentlicher Mittel selbst erwirtschaften müssen, und andererseits wird ihnen ein demokratischer Bildungsauftrag zugeschrieben, der „lebenslange Bildung für alle“ als Leitidee hat.

2 Ziele und Aufgaben der Plattform online vhs Sachsen

Folgende zwei Annahmen sind für die Plattform online vhs Sachsen leitend:

  1. Das Internet hebt territoriale Grenzen auf – es entgrenzt Raum und Zeit für Bildungsangebote. Die örtliche Gebundenheit von Volkshochschulen als Bildungs-Nahversorger ist ein Markenzeichen und eine Grundausrichtung. Dies verändert sich grundlegend mit der zunehmenden Digitalisierung von Bildung und der Nutzung von ortsunabhängigen digitalen Bildungsformaten.
  2. Volkshochschulen werden bei der Entwicklung, Vermarktung und Durchführung von Online-Angeboten alle Vorteile einer vernetzten Zusammenarbeit nutzen, die bereits durch die VHS-Landesverbände und den Deutschen Volkshochschul-Verband (DVV) bestehen.

Vor diesem Hintergrund entwickelte der SVV seit Anfang 2020 verschiedene Modelle für eine Online-VHS als VHS-übergreifende Kooperationsplattform mit folgenden Zielen einer Zusammenarbeit:

  • Nutzung von Synergieeffekten zur zielgerichteten, kostengünstigen und schnellen Entwicklung von Onlineangeboten,
  • überregionale Bündelung von Kompetenzen und Expertisen bei den Bildungsinhalten und Dozentenqualifikationen,
  • Realisierung von Bildungsangeboten für kleinere Zielgruppen mit geringer Nachfrage (z. B. im Bereich der beruflichen Bildung) durch überregionale Bündelung potenzieller Teilnehmender und
  • Steigerung der Sichtbarkeit von Onlineangeboten durch eine zentrale Vermarktung und Öffentlichkeitsarbeit durch den SVV.

Mit diesen Zielen ergeben sich eine Reihe von Aufgaben für den SVV:

  • Koordinierung von kollaborativer Entwicklung und Realisierung von Onlinekursen,
  • strategische mittelfristige Programmplanung für den Bereich der Onlineweiterbildung für das VHS-Personal,
  • Agenturfunktion zur Entlastung sächsischer Volkshochschulen bei der Übernahme fremder Onlineangebote von anderen Volkshochschulen in das eigene Kursprogramm und der Vermarktung eigener Onlinekurse gegenüber anderen Volkshochschulen und
  • Betrieb einer zentralen Vertriebsplattform und eines zentralen Marketings.

3 Nutzungsoptionen und Funktionalität der Plattform online vhs Sachsen

Zwei grundsätzliche Entscheidungen hinsichtlich der Funktionalität mussten in einem ersten Schritt getroffen werden: Sollte die Plattform die Struktur eines „offenen Marktplatzes“ oder einer „kuratierten Programmauswahl“ haben, in Anlehnung an Ortfried Schäffter und seine Systematik institutioneller Kontaktprozesse (vgl. Schäffter 2014, S. 64–81), und zweitens, wie sollte die Plattform für die Nutzer*innen sichtbar sein: als eine „Weiterleitungsplattform“ oder als eine „Buchungsplattform“?

3.1 Offener Marktplatz vs. kuratierte Programmauswahl

Während beim Modell des offenen Marktplatzes jede Mitgliedsvolkshochschule alle ihre Onlineangebote auf der gemeinsamen Plattform darstellen kann, wird bei einem kuratierten Programm eine bewusste Auswahl durch eine dritte Instanz (SVV) getroffen. Die Vorteile eines kuratierten Programms sind dabei:

  • Erhöhung der Übersichtlichkeit für die Kundin, den Kunden durch Vermeidung von redundanten Kursangeboten,
  • Vermeidung von Angebotsballungen in bestimmten Fachbereichen oder Themenfeldern (z. B. Sprachkurs Englisch, Gesundheitskurs Yoga etc.),
  • Etablierung von Qualitätskriterien im Prozess der Programmauswahl und
  • Möglichkeit einer gezielten programmatischen Ausrichtung.

Als Nachteile eines kuratierten Programms sind dagegen offensichtlich:

  • Die Gleichbehandlung aller Mitgliedsvolkshochschulen ist nur schwer möglich,
  • die Einrichtung eines kuratierenden Gremiums mit Entscheidungsbefugnis wird notwendig,
  • Entscheidungsprozesse und -kriterien müssen entwickelt werden und
  • jedes Onlineangebot muss einen Entscheidungsprozess durchlaufen, der die Ver­öffentlichung auf der gemeinsamen Plattform verzögert und unflexibel macht.

Diese Betrachtung verdeutlicht, dass die Entwicklung einer VHS-übergreifenden Vermarktungsplattform mit einem kuratierten Programm erheblich mehr Zeit in Anspruch nimmt sowie die Entscheidungsprozesse im laufenden Betrieb aufwendiger, zeitintensiver und unflexibler macht. Vor diesem Hintergrund entschied der SVV eine Vermarktungsplattform als offenen Marktplatz zu gestalten.

3.2 Weiterleitungsplattform vs. Buchungsplattform

Damit verbunden ist eine weitere Entscheidung, die das Handling der Plattform betrifft: Soll sie zur Buchung des einzelnen Angebotes auf die Website der jeweiligen VHS weitergeleitet werden oder soll diese direkt auf www.online-vhs-sachsen.de möglich sein?

Eine Buchungsplattform hat dabei aus Marketingsicht folgende Vorteile: Der Weg der Kundschaft zur Buchung ist kürzer; Absprungraten sind voraussichtlich niedriger, „Conversion“-Raten voraussichtlich höher. Außerdem kann die Kundin, der Kunde mehrere Onlinekurse verschiedener Anbieter in einen Warenkorb legen und mit einem einzigen Kaufvorgang abwickeln. Diesen Vorteilen stehen folgende Nachteile gegenüber: Eine solche Plattform ist aufwendiger zu entwickeln und zu betreiben und erfordert unter den Beteiligten eine engmaschige juristische Kooperation. So muss u. a. rechtssicher geklärt sein,

  • welche juristische Person der Geschäftspartner der Kundin, des Kunden ist (der Plattformbetreiber oder die zuliefernde VHS),
  • welche gemeinsamen AGBs für den Vertragsabschluss gelten,
  • wer das Fakturarisiko trägt,
  • wie Kundendaten datenschutzkonform von der Plattform an die ausführende VHS übergeben werden,
  • wie die erlösten Umsätze verteilt werden,
  • wie die Zahlungsflüsse gestaltet werden und
  • wie mit Stornierungen, Kursausfällen oder Regressansprüchen umgegangen wird.

Diese finanztechnischen Fragen lassen sich nur im Einvernehmen aller beteiligten Volkshochschulen und des Plattformbetreibers, des SVV, klären und erfordern zu ihrer Ausgestaltung einen zeitintensiven Abstimmungsprozess.

Hinzu kam der Umstand, dass es im Mai 2020 keinen dem SVV bekannten Dienstleister gab, der ein funktionierendes System für eine Buchungsplattform mit den notwendigen Schnittstellen zu den Kursverwaltungsdatenbanken der Volkshochschulen anbieten konnte. Entwicklungen in diese Richtung wurden angestoßen und benötigten mindestens ein Jahr bis zur markttauglichen Verfügbarkeit. Aus diesem Grund schied die Option einer Buchungsplattform für das kurzfristige Ziel einer VHS-übergreifenden Vermarktungsplattform aus.

Dagegen konnte für eine Weiterleitungsplattform auf eine bestehende und erprobte technische Lösung zurückgegriffen werden, die in wenigen Tagen für die Zwecke einer sächsischen Online-VHS konfiguriert und einsatzbereit sein konnte. Insbesondere diese schnelle und unkomplizierte Verfügbarkeit einer vollautomatischen Schnittstelle zu den Kursverwaltungsdatenbanken der Volkshochschulen war mitentscheidend für die Akzeptanz einer solchen Plattform durch die sächsischen Volkshochschulen und den SVV.

4 Perspektiven der Plattform online vhs Sachsen

In den kommenden zwei Jahren stehen folgende Weiterentwicklungen der Online-VHS in Sachsen an:

  • Weiterentwicklung zu einer Buchungsplattform,
  • Vertiefung der kooperativen Zusammenarbeit sächsischer Volkshochschulen bei der gemeinsamen Programmplanung und Entwicklung von Onlineangeboten,
  • (Weiter-)Entwicklung und Umsetzung einer Marketingstrategie, in deren Zentrum die Erhöhung der Bekanntheit der Plattform liegt sowie
  • dauerhafte und tragfähige Finanzierung, da diese derzeit über Projektmittel erfolgt.

Entscheidend für die Fortführung einer VHS-übergreifenden Vermarktungsplattform ist eine dauerhafte Finanzierung. Denkbar ist dabei einmal eine beitragsbasierte Finanzierung, nach der jede Mitglieds-VHS für ihre auf der gemeinsamen Plattform dargestellten Kurse einen Pauschalbetrag entrichten muss, oder zweitens eine beteiligungsbasierte Finanzierung, bei der der Träger der Online-VHS-Plattform, der SVV, dafür aus den Erträgen refinanziert wird. Denkbar sind auch Mischformen aus den beiden Modellen.

Des Weiteren wird jedoch die Etablierung zusätzlicher Finanzierungsquellen ähnlich entscheidend sein, da, ausgehend vom Preisniveau typischer VHS-Angebote, Beiträge nur niedrig ausfallen können, um es Volkshochschulen wirtschaftlich zu ermöglichen, ihre Onlinekurse auf die Plattform zu stellen. Außerdem ist aus einer Erlösbeteiligung kein ausreichender Ertrag zu erwarten, um daraus den technischen Betrieb sowie ein adäquates Marketing einer Online-VHS finanzieren zu können. Der SVV entwickelt daher Finanzierungsmodelle mit Sponsoring, Fundraising sowie Abomodellen und setzt sich für eine gezielte Landesförderung für Onlineangebote in der Erwachsenenbildung ein.

5 Eine bundesweite Online-VHS – Vision und Prognose

Die Vision einer bundesweiten Online-VHS wird innerhalb der VHS-Community seit einiger Zeit diskutiert. Die Entgrenzung der Erwachsenenbildung durch Digitalisierung und der damit verbundene Bedeutungsverlust des klassischen Territorialprinzips für Onlineangebote befördert die Perspektive einer bundesweit aktiven Online-VHS. Die beschriebenen Vorteile einer VHS-übergreifenden Vermarktung auf Landesebene sind auf die Bundesebene übertragbar.

Gleichzeitig stellt die Öffnung des Territorialprinzips durch Digitalisierung aber auch den bislang größten Hinderungsgrund für eine bundesweite Online-VHS dar. Die Relativierung dieses basalen Strukturprinzips stellt die VHS vor neue programmatische und bildungspolitische Herausforderungen. Die für Präsenzangebote entwickelten, erprobten und optimierten lokalen und regionalen Organisations-, Finanzierungs-, Vertriebs- und Vermarktungsstrukturen können für den Betrieb einer bundesweiten Online-VHS nicht herangezogen werden.

Organisationen wie die Landesverbände der Volkshochschulen und der DVV haben für den Betrieb einer bundesweiten Online-VHS derzeit noch kein Mandat ihrer Mitglieder. Die Finanzierung von Volkshochschulen basiert auf einer Förderung durch Kommunen, Landkreise und Bundesländer sowie durch Teilnehmerentgelte. Die finanzielle Förderung einer länderübergreifenden Institution ist derzeit im VHS-System nicht vorgesehen. Nicht wenige kommunale Träger sehen Onlineangebote ihrer Volkshochschule durchaus kritisch, da sich dabei auch die Frage nach der Rechtfertigung der Finanzierung von Bildungsangeboten durch kommunale Mittel für Bürger*innen aus entfernteren Regionen stellt.

Andererseits nehmen aber auch Volkshochschulen, die durch eine privatrecht­liche Organisationsform (e. V.; gGmbH) oder ihre Träger mehr Entfaltungsspielräume haben, die Chancen einer bundesweiten Vermarktung eigener Onlineangebote wahr. Das Internet kennt keine Gebietsmonopole: Die Onlinekurse der Hamburger Volkshochschule sind auch für sächsische Bürger*innen nur einen Klick entfernt. Volkshochschulen werden sich darauf einstellen, dass sie sich zunehmend in einem bisher ungewohnten Wettbewerb bewegen, der eine bundesweite Dimension hat. Dieser derzeit erkennbare bundesweite Onlinewettbewerb unter Volkshochschulen scheint durch zwei Eigenschaften charakterisiert zu sein: Er ist unreguliert und er ist ungleich; unreguliert, weil die Volkshochschulen in erster Linie ihrem lokalen Träger verantwortlich sind und keine überregionale Entscheidungsinstanz kennen; ungleich, weil die 900 Volkshochschulen eine heterogene Gesamtstruktur aufweisen und sich in ihrer Organisationsstruktur, ihrer juristischen Rechtsform, ihrer Größe, ihrer Finanzierung, ihrer Förderbedingungen, ihrer kommunalen Anbindung und ihrer einsetzbaren Ressourcen unterscheiden. Ein Wettbewerb um Onlineangebote zwischen den Volkshochschulen untereinander ist von vornherein durch eine strukturelle Chancenungleichheit seiner Marktteilnehmer*innen charakterisiert.

So bildungspolitisch verlockend und synergetisch sinnvoll die Perspektive einer einzigen bundesweiten Online-VHS auf den ersten Blick ist, so unwahrscheinlich erscheint sie jedoch momentan bei näherer Betrachtung. Voraussetzung dazu wäre an erster Stelle ein gemeinsamer bildungspolitischer Wille über Landesgrenzen hinweg. Dies würde jedoch Einigkeit erfordern, wo andererseits die Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Interessen der einzelnen VHS sowie ihrer Träger und Verbände derzeit noch zu heterogen sind. Wahrscheinlicher ist dagegen die Motivation einzelner Volkshochschulen sowie von Kooperationsverbünden aus mehreren örtlich unabhängig agierenden Volkshochschulen bei der gemeinsamen Vermarktung von Onlineangeboten. Anstelle einer einzigen bundesweiten Online-VHS wird es zunächst – so die Prognose – mehrere bundesweit agierende Onlinevolkshochschul-Netzwerke bzw. Vermarktungsplattformen geben, die miteinander im Wettbewerb stehen werden.

Für sächsische Volkshochschulen stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, wie sie sich in einem bundesweiten Wettbewerb aufstellen können. Sie beteiligen sich bereits an landesübergreifenden Kooperationen – sowohl zur gemeinsamen Kursentwicklung als auch zur gemeinsamen Vermarktung von Onlineangeboten. Der SVV unterstützt diese landesübergreifenden Kooperationen und kann außerdem mit der Plattform https://www.online-vhs-sachsen.de seinen Mitgliedsvolkshochschulen eine Möglichkeit eröffnen, sich gemeinsam stärker im Markt zu positionieren.

6 Forschungsbedarf und Fazit

Obgleich das „Lernen in der Informationsgesellschaft“ (Tully 1994) oder „Bildung im Cyberspace“ (Thiedeke 2000) und damit der digitale Transformationsprozess in der Gesellschaft seit den 1990er Jahren in der Erwachsenenbildung zum Forschungsgegenstand geworden ist und sie sich seitdem vielfältig mit Themen wie E-Learning, Neue Medien, Lernsoftware, Telelearning, Multimedia, virtuellen Lernwelten, Onlinedidaktik, Teletutoren/Onlinecoaches, mobiles Lernen, Medienkompetenz oder „learning centres“ beschäftigt hat, wird seit der Pandemiekrise ein erweiterter und verstärkter Bedarf an Daten und Erkenntnissen in den Institutionen und bei den Trägern der Weiterbildung sichtbar.

Einen Forschungsbedarf sehen wir für die nächsten Jahre vor allem in fünf Bereichen der Digitalisierung:

  1. Digitalisierung von Bildung,
  2. Bildung zur Digitalisierung,
  3. digitale Personal- und Organisationsentwicklung,
  4. digitales Marketing und
  5. digitale Bildungsinfrastruktur.

Dabei sind es folgende Fragen, die von Bedeutung sind: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche auf die Weiterbildungslandschaft und -struktur? Wie werden sich die Weiterbildungsinstitutionen bei dem Spagat zwischen analogen und digitalen Angeboten strategisch aufstellen? Wie wird sich das Verhältnis von analogen, digitalen und hybriden Formaten in den Bildungseinrichtungen entwickeln? Zu welchen institutionellen Konzentrationsprozessen führt die Digitalisierung in der Bildungslandschaft? Und vor allem: Welche individuellen und gesellschaftlichen Bedarfe und Bedürfnisse sind entstanden bzw. entstehen?

In dem Maße, wie die Digitalisierung alle gesellschaftlichen Bereiche weltweit verändert – beispielhaft sichtbar in den weitreichenden Folgen für den stationären Einzelhandel und den damit einhergehenden Veränderungen der Innenstädte –, in dem Maße ist auch der Weiterbildungsbereich betroffen. Überall dort, wo Menschen miteinander kommunizieren und interagieren, findet die digitale Technologie Anwendung und verändert den Dialog und damit auch die pädagogisch/andragogische Begegnung.

Wir haben in dem Beitrag vor allem die operative Seite der Digitalisierung am Beispiel einer neuen Lernplattform dargestellt und damit neue Wege einer Bildungsinfrastruktur aufgezeigt. Wir sind mit dem Beitrag in „die Mühen der Ebene“ (Bertolt Brecht) eingestiegen und haben aus dem Weiterbildungsmarkt heraus berichtet, der sich derzeit in einem sehr fluiden und dynamischen Zustand befindet.

Gibt es bereits den „Homo Digitalis“ (Harvard Business Manager 2015), den vernetzten, flexiblen, digital agierenden und mobilen Menschen, der sich in einem permanenten Abstimmungsmodus mit seiner Work-Life-Balance befindet? Welche Konsequenzen hat dieser „Homo Digitalis“ für den „Homo Sociologicus“ der Moderne, wie ihn Ralph Dahrendorf erstmals 1958 beschrieben hat (vgl. Dahrendorf 2010)? Und welche Konsequenzen hat dies für die Weiterbildung? Dies sind aktuelle und elementare Fragen in einem sehr dynamischen Weiterbildungsmarkt.

Digitalisierung in der Weiterbildung bedarf, so eine wichtige These des Beitrags, eine ergänzte bzw. veränderte, vielleicht sogar neu gedachte Architektur der Weiterbildungslandschaft, die derzeit und traditionell vor allem durch eine Segmentierung und Exklusion ausdifferenzierter Einzelgebiete und Bereiche gekennzeichnet ist. Welche Konsequenzen hat das vernetzte und selbst gesteuerte Denken in der Digitalisierung auf Bildungsprozesse und auf die Institutionalisierung des Weiterbildungsbereichs?

Claus J. Tully formulierte bereits vor über 20 Jahren diese basale Frage in seiner Studie „Lernen in der Informationsgesellschaft“: „Welches Wissen ist für die Benutzung moderner Informationssysteme erforderlich und vor allem, auf welchen Wegen erfolgt seine Aneignung?“ (Tully 1994, S. 19). Diese Fragestellung beschäftigt seit der Coronapandemiekrise 2020 in besonderer Weise die Weiterbildungslandschaft. Der nur bedingt staatlich regulierte „Weiterbildungsmarkt“ reagiert bei der Beantwortung dieser Frage derzeit wie jeder Markt in einer Marktwirtschaft: Das Wechselspiel und die Marktdynamik von Angebot und Nachfrage verdrängt Altes und schafft Neues. Welche Konsequenzen dies für den Weiterbildungsbereich hat, bleibt abzusehen und ist derzeit offen. Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, dass der Ruf nach stärkerer Regulierung der Weiterbildung zunimmt, und zeigt sich momentan beispielsweise in den Bemühungen der Trägerlandschaft um einen bundesweiten „digitalen Weiterbildungspakt“ analog dem Schulsystem. Das bildungspolitische Dilemma der Weiterbildung bei der Digitalisierung wird hier erneut sichtbar: Eingekeilt einerseits zwischen einer nur wenig regulierten sowie unübersichtlichen und marktorientierten Trägerdifferenzierung und andererseits einem Bildungssystem sowie einer Bildungspolitik, die zwar seit Jahrzehnten von der großen Bedeutung des lebenslangen Lernens spricht, diese jedoch dem Grundsatz des Föderalismus opfert.

Schließlich und abschließend: Wie ist es vor dem Hintergrund dieser vielfältigen und multiperspektivischen Entwicklungen im Kontext einer digitalen Transformation um den Anspruch einer „Bildung für alle“ bestellt? Kann diese Leitidee der Volkshochschularbeit noch aufrechterhalten werden? Oder anders gefragt: Wie muss die Erwachsenenbildung im Zeitalter der Digitalisierung aufgestellt sein, um diesem Anspruch gerecht werden zu können? Hierzu benötigen wir baldmöglichst Antworten aus der Praxis, der Forschung und der Bildungspolitik.

Literatur

Dahrendorf, R. (2010). Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der sozialen Rolle (17. Aufl.). Wiesbaden: VS.

Harvard Business Manager (2015, 6. März). Homo Digitalis. Vernetzt, flexibel, mobil – so geht Arbeit heute. HBM Online.

Schäffter, O. (2014). Relationale Zielgruppenbestimmung als Planungsprinzip. Zugangswege zur Erwachsenenbildung im gesellschaftlichen Strukturwandel. Ulm: Klemm + Oelschläger.

Thiedeke, U. (2000). Bildung im Cyberspace. Vom Grafik-Design zum künstlerischen Arbeiten in Netzen. Entwicklung und Erprobung eines Weiteerbildungskonzepts. Wiesbaden: VS.

Tully, C. J. (1994). Lernen in der Informationsgesellschaft. Opladen: Westdt. Verlag.

Autoren

Ulrich Klemm, Prof. Dr., Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschulverbandes e. V., Honorarprofessor für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Universität Augsburg.

Mathias Rekpa, Medienwissenschaftler, Fachreferent für Digitalisierung und Erweiterte Lernwelten beim Sächsischen Volkshochschulverband e. V.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 18.02.2021 zur Veröffentlichung angenommen.

This article war accepted for publication following a qualitative review at the editorial meeting the 18th of November 2021.