Editorial

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (2)

DOI: 10.3278/HBV2102W001

ISSN: 0018-103X     wbv.de/hbv     hessische-blaetter.de

Weiterbildung in der Krise – Krise der Weiterbildung

(Corona-)Krise und Weiterbildung

Bernd Käpplinger, Christiane Ehses, Martin Dust

„Wer wagt heute noch eine Prognose über den Tag hinaus? Die Erfahrungs- und Ereignisdichte tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen lassen keine Zeit zum Nachdenken, zur Besinnung, zum gedanklichen und abtastenden Suchen nach richtigen Wegen in die Zukunft. Wir fühlen uns überfordert, sind ratlos, in der sich steigenden Unsicherheit verbreitet sich Angst. Die Umbrüche unserer Zeit hinterlassen Desorientierung in einem bisher unbekannten Ausmaß: der Zusammenbruch einer vertrauten politischen Weltordnung, in der wir uns zu unserem eigenen Wohle eingerichtet hatten, die Widersprüche zwischen unserer Lebensweise und der Endlichkeit der Ressourcen, die wir mit unserem Leben verbrauchen und zerstören“ (Weick 1992, S. 70).

Diese düstere Krisendiagnose stammt von 1992, aber sie könnte auch im Jahr 2021 verfasst worden sein. Gefangen zwischen der Trauer um das Vergangene und das Leben vor der Krise sowie den vielen Zumutungen der Gegenwart scheint uns die Zukunft abhandengekommen zu sein. Oder wer traut sich aktuell noch, mitten in einer Pandemie, sich vorzustellen, wie Leben, Lehren und Lernen Ende 2021 konkret aussehen wird? Was steht uns an mittel- und langfristigen Verwerfungen noch bevor? Was wird das für uns als Individuen und für unsere Gesellschaft konkret bedeuten?

Krisendiagnosen sind ein beliebter und oftmaliger Bezugspunkt in der Wissenschaft und Praxis der Erwachsenenbildung. Dies ist durchaus naheliegend und schlüssig, da der fundierte Umgang mit Transitionen und Transformationen ein konstituierendes Moment der Erwachsenenbildung darstellt. So unterschied beispielsweise Wolfgang Schulenberg in kompensatorische, komplementäre und transitorische Erwachsenenbildung. Letztere sah er gekennzeichnet durch das „wellenförmige Durchsetzen neuer Lehren und Auffassungen“ (Schulenberg 1973, S. 67). Mit der Coronapandemie hat sich seit 2020 in der Tat wellenförmig sehr viel verändert, wobei wir noch nicht wissen, was davon dauerhaft bleiben oder was lediglich Momentaufnahmen in einer absoluten Ausnahmesituation sein werden. Erwachsenenbildung konnte in ihrer Geschichte oftmals von Krisen profitieren. Dies mag anrüchig wirken, aber nüchtern betrachtet war der Zusammenbruch der bisherigen Weltordnungen 1918, 1945 oder 1990 durchaus jeweils mit einem Wachstumsschub an Erwachsenenlernen und Erwachsenenbildung verbunden. Krisenzeiten sind Lernzeiten. Die verstärkten bzw. in Mitteleuropa stärker sichtbaren Flüchtlingsbewegungen um das Jahr 2015 machten die Erwachsenen- und Weiterbildung zu einem gefragten und anerkannten Akteur für die Integrationspolitik. Allerdings wiederholt sich Geschichte nicht. 2020 war die Erwachsenen- und Weiterbildung anders als während der „Flüchtlingskrise“ 2015 nicht gleichermaßen Nutznießer, sondern vor allem ein Opfer der Krise. In internationalen Delphi-Studien (vgl. Käpplinger/Lichte 2020) wurde von Expertinnen und Experten betont, dass Corona bzw. der Lockdown das Herz der Erwachsenenbildung berührt. Dies macht wohl den großen Unterschied aus. Während bei anderen Krisen die Erwachsenen- und Weiterbildung agieren konnte mit einem Kurs-/Veranstaltungsangebot, ist dies seit 2020 gar nicht oder nur mit großen Einschränkungen möglich.

Krisen sind jedoch gleichzeitig mit Entwicklungsmöglichkeiten verbunden, wenngleich das Schlagwort von der Krise als Chance doch relativ abgedroschen ist und wie eine Floskel aus dem Sprachschatz von schlechten Unternehmensberatungen oder aus der Ratgeberliteratur wirkt. In der Krise kann es den Leidenden wie ein fast schon zynisches Zurufen vorkommen. Nicht jede Krise hat ein gutes Ergebnis oder eine gute Wendung. Die neuere Resilienzforschung zeigt auf, dass wir gerade nicht individuell unseres Glückes Schmied sind, sondern Resilienz von vielen Umweltfaktoren außerhalb unseres persönlichen Einflusses abhängt, die nicht schnell erlernt oder geschaffen werden können. Resilient lässt es sich viel leichter mit sicherem Job und vollem Bankkonto in einem großen Haus mit Garten und Rotwein auf der Terrasse sein statt bereits verschuldet in einer kleinen Wohnung sitzend mit großer Familie und wegbrechenden Minijobs. Fatum, μοίρα, Kismet, Los oder Schicksal kennen viele Sprachen und Kulturen als Bezeichnungen, dass manchmal uns Ereignisse zufällig und willkürlich ereilen trotz aller Machbarkeits- und Allmachtsfantasien der Gegenwart.

Mit Blick auf die Digitalisierung des Bildungssystems war die Entwicklung seit 2020 allerdings ein großer Beschleuniger und Katalysator. Sowohl viele Lehrende als auch viele Lernende haben ihre Medienkompetenz gewollt und ungewollt deutlich ausbauen können. Weiterbildungseinrichtungen haben neue Strukturen und mehr Support im digitalen Bereich geschaffen. Beeindruckende Lernkurven wurden vollzogen. So manches, was vielleicht noch Jahre an Entwicklungen gebraucht hätte, vollzog und vollzieht sich nun in wenigen Wochen oder Monaten. Bemerkenswertes wurde geleistet, was uns momentan vielleicht noch gar nicht komplett bewusst ist. Das formale und nicht-formale Lernen mag 2020 oft im Lockdown und wegen Restriktionen sehr gelitten haben, aber informell haben wir alle 2020 wahrscheinlich sehr viel gelernt. Dies betrifft Themen rund um Digitalität, aber auch Themen rund um Gesundheit, Medizin und die Verfassung. Konfliktfrei war dies allerdings keinesfalls, wobei Konflikte nicht nur negativ gesehen, sondern auch als Anlässe für Veränderungen und Debatten über Perspektiven und Interessen jenseits von Routinen und Alltag hinaus begriffen werden können.

Uns als Redaktionsteam war es wichtig, verschiedene Perspektiven in dieses Heft mit aufzunehmen, die z. T. auch über die aktuelle Coronakrise in Deutschland hinausweisen und andere Perspektiven anregen. Im ersten, referierten Teil des Heftes finden sich Beiträge von Dieter Gnahs, Bernhard Schmidt-Hertha, Jörg Dinkelaker und Regine Sgodda.

Der Beitrag von Dieter Gnahs versucht, beginnend mit Publikationen und Studien zu der Finanzkrise in den 2000er Jahren, anhand von verfügbaren Daten einen Vergleich und Überblick zu den Wirkungen der Coronapandemie auf die Weiterbildung zu gewinnen. Für die Zukunft werden Vorschläge in Richtung stärkerer Systembildung unterbreitet, die dabei unterstützen, wie die Weiterbildung „coronafest“ gemacht werden kann.

Der Text von Bernhard Schmidt-Hertha setzt sich mit der Frage auseinander, was die gegenwärtige Pandemie mittelfristig für die Digitalisierung in der Erwachsenenbildung bedeutet. Es wird nach der Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit aktueller Entwicklungen hinsichtlich digitaler Formate in der Erwachsenenbildung gefragt. Forschungsdefizite und fehlende Daten werden sichtbar.

Digitalisierung ist wichtig, aber Präsenzlernen darf nicht vergessen werden. In der leiblichen Präsenz liegen Bildungsstärken. Volkshochschulen sind keine Informationsagenturen. So fragt Jörg Dinkelaker in seinem Beitrag vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der Coronakrise nach den Bildungspotenzialen der Teilnahme an Präsenzveranstaltungen. Anhand videogestützter Beobachtungen und im Vergleich zwischen Online- und Präsenzinteraktion werden die besonderen Möglichkeiten des Umgangs mit Wahrnehmungsdifferenzen herausgearbeitet, die sich aus der gleichzeitigen leiblichen Anwesenheit vor Ort ergeben und auch in Zukunft ergeben sollten bzw. ergeben werden.

Regine Sgodda rundet diesen ersten Teil mit einem Beitrag ab, der die Erschütterungen der Coronaviruspandemie auf die organisierte Erwachsenenbildung aufzeigt. Durch die Betriebsschließungen und die Umsetzung der Hygienebestimmungen waren und sind die Volkshochschulen als Orte der Begegnung und des sozialen Lernens ins Mark getroffen. Sie sind herausgefordert, ihr Selbstverständnis zu überprüfen, (digitale) Entwicklungs- und Anpassungsprozesse vorzunehmen und die Rahmenbedingungen zu analysieren. Der Beitrag wagt die Prognose, dass Volkshochschulen gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

Im zweiten Teil des Heftes finden sich Beiträge aus der Praxis, Projektberichte und Reflexionen. Anke Grotlüschen und Angelika Weis stellen Ergebnisse eines dreimonatigen Transferprojektes für neue Geschäftsmodelle und Programmanpassungen in der Erwachsenenbildung vor. Einschätzungen aus der Praxis im Wege von Gesprächen werden präsentiert. Deutlich wird aus Sicht der Befragten, dass Krisen nicht Top-down, sondern im Austausch bewältigt werden, wobei Versuchsballons und Fehlertoleranz eine große Rolle spielen.

Ulrich Klemm und Mathias Repka sehen aktuell bei den Volkshochschulen eine Diskussion über ihr basales Strukturprinzip der lokalen Verortung als Ausgangspunkt für Programmplanung und Marketing. Das Territorialprinzip verliert für die Autoren angesichts der zunehmenden Digitalisierung an Bedeutung. Diese Herausforderung habe 2020 in Sachsen zur Entwicklung einer Plattform für Onlineangebote aller sächsischen Volkshochschulen geführt. Hintergründe und Rahmenbedingungen dieser Online-VHS werden jedoch auch kritisch reflektiert.

Die drei hessischen Volkshochschulleitungen Torsten Denker (Landkreis Gießen), Elke Hohmann (Hanau) und Carsten Koehnen (Hochtaunus) zeigen im Gespräch mit Christiane Ehses und Bernd Käpplinger auch auf, dass Volkshochschulen Krise können, wenngleich die Herausforderungen groß sind und Volkshochschulen u. a. aufgrund ihrer unterschiedlichen Rechtsform auch recht unterschiedlich betroffen sind. Der erste und der zweite Lockdown hatten unterschiedliche Effekte. Volkshochschule ist nicht gleich Volkshochschule, wenngleich die Solidarität zwischen Volkshochschulen gerade in der Krise oft groß ist und man sich auch gegenseitig hilft.

Heiner Barz widmet sich der Frage, was Risikokompetenz ist. Er bezieht sich an einigen Stellen eng auf Positionen und Studien von Gerd Gigerenzer. Barz sieht stellenweise eine Unfähigkeit, Zahlenverhältnisse im jeweiligen Kontext adäquat zu interpretieren, was als Ergebnis eines Bildungsdefizits eingeschätzt wird. Der Diskussionsbeitrag schließt mit Anregungen und der Hoffnung, dass das Lehrziel „risk literacy“ durch die Coronakrise mehr Aufmerksamkeit als bisher erfährt. Wir sehen diesen Beitrag als Einwurf, der zu einem Perspektivwechsel in Bezug auf Bewältigungsstrategien der Pandemie einladen will.

Matthias Sturm hilft den Blick über Deutschland und Europa hinaus in Richtung Kanada zu weiten. Die Coronapandemie und verbundene Einschränkungen führen zu Bedenken, dass marginalisierte Mitmenschen die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihre Lebensbedingungen nicht abmildern können. Der Beitrag rückt Fragen zur digitalen Kluft in den Vordergrund und diskutiert diese in Bezug auf Machtstrukturen sowie systemische Ungleichheiten. Der Autor wagt in posthumanistischer Perspektive den Einwurf, dass das Virus selbst zwischen sozialen Schichten unterscheidet. Relativierend sagen wir: Das Virus unterscheidet eigentlich nicht nach Klasse und Stand, aber sozial schwächere Menschen sterben mehr daran und sind oft deutlich mehr von Gegenmaßnahmen und Lockdowns betroffen.

Im Serviceteil finden sich wie üblich eine bunte Reihe an aktuellen Informationen zu Ereignissen, Publikationen, Projekten und Veranstaltungen. Insbesondere über Rezensionsangebote freuen wir uns auch in Zukunft. Interessierte sollten hier die Redaktion kontaktieren.

Wir hoffen mit dem Themenheft einen kleinen Beitrag zur Krisenbewältigung zu leisten und Anregungen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven gegeben zu haben. Vielleicht führt der eine oder andere Beitrag auch zu Widerspruch und Debatten, die in den nächsten Themenheften einen Raum haben könnten? Auch in der Krise sollte Raum und im Blick sein, dass mehr als eine Zukunft möglich ist und wir alle daran mitgestalten können im Rahmen unserer Möglichkeiten. Letztere sind vielleicht häufiger und größer, als wir denken in einer Zeit, wo man Selbstwirksamkeit – d. h. das Gefühl, selbst Herrin und Herr des eigenen Lebens zu sein – schmerzlich vermissen kann. Tunnelblick und Panikmodus gilt es zu vermeiden, da sie mehr schaden als nützen. Die Erwachsenen- und Weiterbildung hat mit ihren Einrichtungen und ihrem Personal dafür schon zu viele Krisen erfolgreich gemeistert.

An dieser Stelle möchten wir Prof. Dr. Wolfgang Seitter unseren großen Dank aussprechen, sowohl im Namen der Redaktion als auch im Namen von wbv Media. Herr Seitter hat zu Beginn des Jahres aus persönlichen Gründen seinen Redaktionsvorsitz abgegeben und wird auch aus der Redaktion ausscheiden. Er ist langjähriges Redaktionsmitglied und hat von 2016 an vier Jahre lang mit großem moderierenden Geschick, hohem Einfühlungsvermögen, Augenmaß und immer auch mit Lust auf neue Ideen und Themen die Redaktion geleitet. Herausragend war sein Vermögen, mäandernde Gedanken zu strukturieren, zu fokussieren und dadurch den roten Faden herzustellen, der die Beiträge der Hefte zusammenhält. Wir wünschen ihm alles Gute! In der Nachfolge wurden Prof. Dr. Steffi Robak und Prof. Dr. Bernd Käpplinger als Redaktionsvorsitzende berufen. Erstmals wird die Redaktion nun von einem Team geleitet.

Literatur

Käpplinger, B. & Lichte, N. (2020). „The lockdown of physical co-operation touches the heart of adult education“: A Delphi study on immediate and expected effects of COVID-19. International Review of Education, 66, 777–795. https://link.springer.com/article/10.1007/s11159-020-09871-w

Schulenberg, W. (1973). Erwachsenenbildung. In H.-H. Groothoff (Hrsg.), Pädagogik. Fischer Lexikon (S. 64–72). Frankfurt a. M.: Fischer.

Weick, E. (1992). Skeptische Anmerkungen zum gegenwärtigen Zustand der Erwachsenenbildung. In: M. Lehmann & H. Schnorbach (Hrsg.), Aufklärung als Lernprozeß – Festschrift für Hildegard Feidel-Mertz (S. 70–75). Frankfurt a. M.: dipa-Verlag.

Autorin und Autoren

Christiane Ehses, Dr. phil., stv. Verbandsdirektorin des Hessischen Volkshochschulverbandes e. V.

Martin Dust, Dr. phil., Geschäftsführer der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung des Landes Niedersachsen.

Bernd Käpplinger, Prof. Dr., Professor für Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität.