Unterstützung der ehrenamtlichen Lernbegleitung in der Grundbildung

Weiterbildungspersonal – interpersonale Zusammenarbeit

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2020 (4)

DOI: 10.3278/HBV2004W006

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Unterstützung der ehrenamtlichen Lernbegleitung in der Grundbildung

Zusammenarbeit für Ehrenamtskoordination, sozialräumliche Verortung und fachdidaktische Begleitung

Barbara Dietsche, Daniela Glück-Grasmann

Zusammenfassung

Ehrenamtliche Lernbegleitung wird als Möglichkeit gesehen, damit Alphabetisierung/Grundbildung in Form von Einzelförderung mehr Menschen erreicht. Der Beitrag nimmt das Unterstützungssystem auf der Einrichtungsebene in den Blick, das solche Lernprozesse ermöglicht und professionell begleitet. Drei konzeptionelle Wissens- und Handlungsbereiche – Ehrenamtskoordination, fachliche (fachdidaktische) Begleitung und sozialräumliche Verortung – werden im Beitrag unterschieden und literaturbasiert vertieft, um das inhaltliche Spektrum der hauptamtlichen Tätigkeiten aufzuzeigen, das von den beteiligten Personen in verschiedenen möglichen Kooperationsmodellen zu bearbeiten ist.

Stichworte: Alphabetisierung; Grundbildung; Sozialraum; Ehrenamt; Personal; Zusammenarbeit

Abstract

Voluntary learning support is seen as a way of ensuring that literacy/basic education reaches more people in the form of individual support. The contribution focuses on the support system at the institution level which makes such learning processes possible and provides professional support. Three conceptual areas of knowledge and action – voluntary work coordination, professional (subject-related didactic) support and socio-spatial location – are distinguished in the article and explored in greater depth on the basis of literature in order to show the range of content of the full-time activities which the people involved have to deal with in various possible cooperation models.

Keywords: Literacy; Basic Education; Social Space; Volunteering; Staff; Cooperation

1 Einleitung

Die Vorstellung, Ehrenamtliche könnten die Arbeit von ausgebildeten Alphabetisierungspädagog*innen ersetzen, steht entgegen der Forderung nach einer Verbesserung der Beschäftigungsverhältnisse in diesem Feld (vgl. Korfkamp/Kley 2016, S. 348; Hubertus 2020, S. 19). Ein kritischer Einwand wäre: Das didaktische Arrangement ehrenamtlich begleiteten Tandemlernens untergräbt auf der Ebene der Lehr-Lern-Situation wesentliche Leitvorstellungen professionellen pädagogischen Handelns in der Erwachsenenbildung und leistet der Deprofessionalisierung Vorschub. Denn die Merkmale sowohl der Hauptberuflichkeit als auch der beruflichen Ausbildung sind außer Kraft gesetzt, wenn gering Literalisierte1 von Ehrenamtlichen2 unterrichtet werden.

Die Gestaltung eines Lehr-Lern-Prozesses durch die beteiligten Personen (Ehrenamtliche und Lernende) ist nicht der Fokus des vorliegenden Beitrags. Stattdessen wird in den Blick genommen, wie dieses mikrodidaktische Geschehen mittels fachdidaktischer Begleitung, sozialräumlicher Verortung und Ehrenamtskoordination auf der organisationalen Mesoebene3 ermöglicht und professionell (durch Hauptamtliche) begleitet und unterstützt wird.

Einführend werden die Bedeutung ehrenamtlich Lehrender anhand von quan­titativen Erhebungen aufgeführt und der Praxisansatz des Tandemlernens in der Alphabetisierung und Grundbildung skizziert. Die dafür erforderlichen Bereiche Ehrenamtskoordination, fachdidaktische Begleitung und sozialräumliche Verortung werden mithilfe der Prozessdimension kurz vorgestellt und literaturbasiert vertieft. Der Beitrag zeigt auf, dass einerseits das Angebot nur durch besondere Leistungen der Hauptamtlichen erbracht werden kann und andererseits die Komplexität und die Konstellationen der Zusammenarbeit der Beteiligten von verschiedenen Faktoren abhängen.

2 Ehrenamtlich Lehrende in der Weiterbildung bzw. in der Alphabetisierung und Grundbildung

Mit Blick auf die Weiterbildungsbranche insgesamt stellen Ehrenamtliche eine relevante, personelle Ressource dar. Der Personalmonitor der Weiterbildung (wb-personalmonitor) erhob 2014 für Deutschland 162.470 Beschäftigungsverhältnisse4 von Ehrenamtlichen (bzw. berechnet 108.030 ehrenamtliche Personen), die in der Weiterbildung tätig sind, was einem Anteil von 12,1 % aller im Rahmen der Studie ermittelten Beschäftigungsverhältnisse entspricht (vgl. Martin et al. 2016, Tab. 10 u. Tab. 13). Die Lehre nimmt bei Ehrenamtlichen den größten Teil der Arbeitszeit ein; ein „durchschnittliches Beschäftigungsverhältnis“ von Ehrenamtlichen in der Weiterbildung umfasst 33,6 % Lehre und z. B. 11,4 % Beratung (vgl. ebd., Abb. 16, S. 99), wobei die Themengebiete offenbleiben.

Hinweise darauf, inwieweit Ehrenamtliche im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung tätig sind, gibt die alphamonitor-Befragung. In dieser Studie waren im Jahr 2018 ausschließlich 218 Volkshochschulen repräsentiert;5 die Lehrenden der Alphabetisierung und Grundbildung waren im Jahr 2018 zu 1,6 % Ehrenamtliche (vgl. Christ et al. 2019, S. 36). Im Erhebungsjahr 2014 hingegen lag der Anteil der Ehrenamtlichen bei 4,5 %, wobei die Justizvollzugsanstalten dieser Erhebung einen Anteil von 7 % ehrenamtlich Lehrenden meldeten (vgl. Ambos & Horn 2015, S. 45). Es scheint also auch darauf anzukommen, welche Einrichtungen befragt werden.

3 Unterstützung der ehrenamtlichen Lernbegleitung

Für ehrenamtlich begleitetes Tandemlernen im Sinne dieses Beitrags kommen Lernende mit Ehrenamtlichen regelmäßig zusammen, um Grundbildungsinhalte wie Lesen, Schreiben, Rechnen zu üben. Es gab bzw. gibt im Rahmen der BMBF-Förderprogramme eine Reihe von Praxisprojekten, welche sechs Aspekte von der Ansprache der Lernenden, Akquise der Ehrenamtlichen, Aufnahme und Matching, Schulung und Begleitung der Ehrenamtlichen, Lernort/-kooperation bis zum Verhältnis zum Kursangebot unterschiedlich ausgestaltet haben (vgl. Dietsche 2020, S. 21 f.). So findet man z. B. den regionalen Ansatz, bei dem dezentral in verschiedenen Kommunen bzw. an individuellen Lernorten Lernende und Ehrenamtliche zusammengebracht werden, und Ansätze, wo Ehrenamtliche an einem (oder mehreren) bestimmten, vorab eingerichteten Lernort(en) Lernende treffen. Dieses Lernangebot kann vor, während und/oder nach einem non-formalen Kursangebot von ausgebildeten Kursleitenden wahrgenommen werden. Den Projekten ist gemeinsam, dass eine Einzelförderung durch Ehrenamtliche arrangiert wird, was „weder durch öffentliche Gelder gefördert wird noch von Lerninteressierten über eine längere Zeit bezahlt werden kann“ (Hubertus 2020, S. 18).

Zwar sind keine Kursleiterhonorare fällig, dafür andere infrastrukturelle und personelle bzw. professionelle Ressourcen. Die auf der Mesoebene relevanten Bereiche können als drei Wissens- und Handlungsfelder konzeptionell aber auch als Rollen bzw. als Rollenanteile von Mitarbeitenden unterschieden werden: Ehrenamts­koordination, fachdidaktische Begleitung und sozialräumliche Verortung werden nun jeweils prozesshaft skizziert und literaturbasiert vertieft.

3.1 Ehrenamtskoordination

In einem prozessualen Verständnis umfasst Ehrenamtskoordination6 die Gewinnung und Auswahl von Ehrenamtlichen (mit der Vermittlung grundlegender Informationen, dem Kennenlernen, der Entscheidung, ob die Motive und Ausgangskompetenzen für das Einsatzfeld passen), die Schulung zu grundlegenden Fragen des freiwilligen Engagements, die Koordination des Einsatzes in organisationaler Perspektive (formale Prozesse und Rahmenbedingungen wie Versicherung, Auslagenersatz etc.), aber auch in personaler Perspektive (Kontaktaufnahme, hier das Matching mit Lernenden, Konfliktbearbeitung, Anerkennung).

Grundsätzlich handeln freiwillig Engagierte in einem „Spannungsfeld zwischen Grenzen und Freiheiten“ (Habeck 2015, S. 230), sodass Hauptamtliche in der Zusammenarbeit mit Unverbindlichkeit und Abhängigkeit (vgl. ebd., S. 267) umgehen müssen. In Bezug auf die interpersonale Zusammenarbeit arbeitet Habeck die Paradoxie heraus, dass einerseits eine „freiheitsvermittelnde Haltung“ (ebd., S. 238) förderlich für die Verbindlichkeit ist und andererseits „Beziehungsarbeit elementarer Bestandteil“ (ebd., S. 267) der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen wird.

Zur aufgabenbezogenen Qualifizierung für den Einsatz als ehrenamtliche*r Lernbegleiter*in werden an Ehrenamtliche Fachinhalte zur Vermittlung von Lese-/Schreibkompetenzen weitergegeben, sodass die Ehrenamtskoordination hier in eine fachdidaktische Begleitung übergeht.

3.2 Fachdidaktische Begleitung

Ziel einer fachlichen und fachdidaktischen Begleitung der im Ehrenamt tätigen Personen7 ist die Befähigung der Freiwilligen zu fachlich kompetentem Handeln. Dazu gehören nach Reifenhäuser (vgl. 2016) mehrere Aspekte:

  1. Das Aufgabenprofil mit Beschreibung und Zeitplanung der zu übernehmenden Aufgabe.
  2. Die Qualifizierung von Freiwilligen (in Schulungsangeboten).
  3. Der regelmäßige Erfahrungsaustausch zum gegenseitigen Austausch und zur unterstützenden Beratung.
  4. Das Entwicklungs- oder Reflexionsgespräch mit gegenseitigem Feedback zwischen freiwilligen und hauptamtlich tätigen Personen.
  5. Die Supervision zur Bearbeitung aktueller Konflikte und bei komplexen Beziehungsdynamiken.

Die fachdidaktische Begleitung soll einerseits die Zufriedenheit der Lernenden sicherstellen. Die Qualifizierungsaspekte vermitteln Wissen und Methoden der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit, beispielsweise auch lebensweltliche und alltagsbezogene Ansätze (vgl. Mania & Thöne-Geyer 2019, S. 155 f.), damit erste Lernerfolge erlebt werden können. Andererseits bietet die Begleitung einen Schutz vor Überforderung der Ehrenamtlichen (vgl. Habeck 2015, S. 137 u. 144). Aufgrund einer besonderen Beziehungsqualität können Ehrenamtliche als Lehrende zu Vertrauenspersonen werden, deren Supervision und kollegialen Austausch Mania empfiehlt (vgl. Mania 2018, S. 187). Zudem sind Qualifizierungsangebote eine Form der Wertschätzung und Anerkennung der ehrenamtlichen Tätigkeit (vgl. Habeck 2015, S. 143).

Insgesamt tragen Hauptamtliche als Lern- und Entwicklungsbegleitende wesentlich dazu bei, dass die Qualität der Ehrenamtsarbeit sowie die Motivation der Freiwilligen unterstützt wird. Die fachliche Begleitung der ehrenamtlichen Tätigkeit wird daher auch als der „wichtigste und auch zeitintensivste“ (Reifenhäuser 2013, S. 132) Teil der Freiwilligenkoordination bezeichnet.

Wenn außerdem im Anschluss an Pape (vgl. 2018) versucht wird, Lehrpersonen zu akquirieren, welche die Rolle der Schriftsprache für die Lerninteressierten aus deren Milieu- und Habitusperspektive verstehen sollen, geht es auch um die sozialräumliche Verortung des Angebots.

3.3 Sozialräumliche Verortung

Da geringe Literalität in der Bevölkerung verbreitet, die Teilnahme an Kursen jedoch sehr gering ist (vgl. Fn. 1), und weil es dennoch „Mitwissende“ gibt (vgl. Grotlüschen 2016), zielen Praxisprojekte wie die ehrenamtliche Lernbegleitung darauf ab, andere Felder einzubeziehen und Bildungsangebote näher zu den Menschen zu bringen. In sozialen und pädagogischen Einrichtungen, die nicht primär der Erwachsenenbildung zuzuordnen sind, werden Fachkräfte informiert und dafür gewonnen, Menschen mit geringen Lese-/Schreibkompetenzen zu erkennen und anzusprechen, ihr Interesse am Lesen- und Schreibenlernen zu wecken und auf Lernmöglichkeiten hinzuweisen. Wenn der Kontakt zu Lerninteressierten besteht, kann im nächsten Schritt das Matching mit Ehrenamtlichen erfolgen und können regelmäßige Treffen an lernförderlichen Orten ermöglicht werden. Damit ist auch der Gedanke verbunden, Ehrenamtliche könnten als Teil des persönlichen Netzwerkes das soziale Kapital gering Literalisierter für eine Weiterbildungsteilnahme erhöhen (vgl. Mania 2018, S. 170; auch Grotlüschen 2016, S. 18).

In räumlicher Hinsicht kommen Organisationen und Menschen zueinander: Weiterbildungseinrichtungen vernetzen sich mit „Ankerpunkten vor Ort“ (Mania 2018, S. 116), da persönliche Reichweiten und Sozialraumgrenzen für Lernende eine Rolle spielen (vgl. ebd., S. 91 f.). Raumressourcen „für das erwachsenbildnerische Handeln [zu; B. D.] mobilisieren“ (Kraus 2019, S. 346) ist die Leistung der Professionellen – die Aneignung eines Ortes als Lernort die Leistung der Teilnehmenden (vgl. ebd., S. 347) bzw. Ehrenamtlichen. Wenn Menschen zudem ihre Weiterbildungsinteressen nicht unbedingt im Rahmen organisierter Weiterbildungsveranstaltungen sehen, sondern vielleicht eher im Rahmen des selbstorganisierten Lernens (vgl. Mania 2018, S. 177; vgl. auch Riekmann & Buddeberg 2016), bekommen Hauptamtliche (der Erwachsenenbildung/der sozialen Arbeit) die Chance und Aufgabe, individuelle und organisationale Passungen und Rahmungen herzustellen und zu begleiten.

4 Faktoren und Modelle der Zusammenarbeit

Mit der Einführung einer ehrenamtlichen Lernbegleitung ist also gleichzeitig ein Unterstützungssystem8 aufzubauen. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Freiwilligenmanagement in Organisationen bzw. Weiterbildungseinrichtungen zu verorten, die jeweils Auswirkungen auf die Zusammenarbeit der Mitarbeitenden haben (vgl. Habeck 2015, Kap. 6). Im Folgenden werden einige organisationsstrukturelle und auf Rollen bezogene Überlegungen zur Zusammenarbeit angestellt.

Die drei Wissens- und Handlungsfelder des Unterstützungssystems (Ehrenamtskoordination, fachdidaktische Begleitung, sozialräumliche Verortung) können entweder als Rollenelemente/Teilrollen einer*s Mitarbeitenden verstanden oder auf die Rollen mehrerer Personen (vielleicht sogar aus verschiedenen Organisationen)9 verteilt werden. Im ersten Fall hätte – wie die literaturbasierte Erläuterung aufzeigt – die Person selbst ein mannigfaltiges Bündel verschiedener Anforderungen und Erwartungen hinsichtlich der Wissens- und Handlungsfelder auszubalancieren (vgl. Dietsche 2015, S. 155–164). Sie entscheidet möglicherweise situativ über die Inten­sität der (fachdidaktischen) Begleitung in Verbindung mit Unverbindlichkeit und Freiheit ehrenamtlichen Engagements, muss Selbstverständnisse und Erwartungshaltungen ins Verhältnis setzen. Im zweiten, arbeitsteiligen Fall entstehen in der interpersonalen Zusammenarbeit Informations- und Kommunikationsnotwendigkeiten (und -abhängigkeiten) zwischen den beteiligten Personen bzw. Berufspositionen (und Organisationen) untereinander. Sie müssen sich beispielsweise eng abstimmen, um das erste Zusammenkommen eines neuen Lerntandems an einem neuen Lernort zu ermöglichen und zu begleiten. Zusätzlich kann die sozialräumliche Verortung bei einem dezentralen Ansatz mit mehreren Multiplikator*innen ausgestaltet werden. Kommt dann die Ebene der Ehrenamtlichen dazu, so multiplizieren sich die Kooperationszusammenhänge und damit auch der Koordinationsbedarf.

Zwei weitere Faktoren beeinflussen das Unterstützungssystem und die Zusammenarbeit: die Frage nach der Flexibilität bezüglich Lernort/-zeit und die Kopplung der ehrenamtlichen Lernbegleitung mit einem kursförmig organisierten Angebot der Alphabetisierung/Grundbildung. Lernorte und -zeiten könnten vorher festgelegt oder flexibel – möglicherweise mithilfe weiterer Beteiligter – je Tandem zugeschnitten werden. Ehrenamtliche Lernbegleitung kann am Übergang zwischen kursförmig organisiertem und selbst organisiertem Lernen angesiedelt werden und eine lose oder enge Kopplung zum Kurs (zur Kursleitung oder Lerngruppe) entwickeln.

Ein einfaches Modell wäre: Eine im Sozialraum verankerte, auch fachdidaktisch ausgebildete hauptamtliche Person an einem eingerichteten Lernort übernimmt die Ansprache von Lernenden, Akquise und Schulung von Ehrenamtlichen, das Matching und die Begleitung der Tandems.

Ein hoch variables Modell wäre: Mehrere Hauptamtliche, die sich die Wissens- und Handlungsfelder aufteilen, bilden untereinander und mit mehreren sozialräum­lichen Kontaktpersonen (für Ansprache, flexible Lernorte) und ggf. auch mit Kursleitenden der Alphabetisierungs-/Grundbildungsarbeit einen immer wieder neu zu konstituierenden Arbeitszusammenhang.

5 Schluss

Beim ehrenamtlich begleiteten Tandemlernen gilt, was im Rahmen des Hessischen Weiterbildungsberichts für die Alphabetisierung und Grundbildung herausgearbeitet wurde, „dass die Einrichtungen der Weiterbildung vor großen didaktisch-professionellen und organisationalen Herausforderungen stehen. […] In dieser Hinsicht sind aufwändige Prozesse der Bedarfserschließung umzusetzen und bildungsbereichsübergreifende Anforderungen an Kooperation und Vernetzung zu bedienen, komplexe Bildungsdienstleistungen mit durchgängiger vor- und nachgelagerter Begleitung/Betreuung vorzuhalten und Bildungsprozessketten mit vielfältigen Übergängen und Durchgängen zu gestalten“ (Feld et al. 2016, S. 45).

Eine solche komplexe Bildungsdienstleistung ist die ehrenamtliche Lernbegleitung in der Alphabetisierung und Grundbildung. An diesem Beispiel wurden besondere Fach- und Kooperationsthemen aufgezeigt, die zu bearbeiten sind, wenn Ehrenamtliche in diesem Bereich mitarbeiten. Gleichzeitig gibt es weder die ehrenamtliche Lernbegleitung in der Alphabetisierung und Grundbildung noch ist sie Prototyp für das (lehrende) Ehrenamt in der Weiterbildung allgemein, zumal Unterrichten bei der Lernbegleitung nicht im Vordergrund steht. Es ist jedoch deutlich geworden, dass neue Tätigkeiten, besondere Wissensfelder und eigene Strukturen der Zusammenarbeit damit verbunden sind, die eine professionelle Begleitung durch Hauptamtliche erforderlich machen, damit das Lehr-Lern-Geschehen auf der Mikroebene der Tandems gelingen kann. Die entsprechenden didaktisch-professionellen und organisationalen Herausforderungen wurden durch die Erläuterung der Handlungsfelder und der Kooperationsmodelle im vorliegenden Beitrag skizziert. Der Topos „Ehrenamt braucht Hauptamt“ gilt auch für die ehrenamtliche Lernbegleitung in der Alphabetisierung und Grundbildung, damit durch das Angebot mehr Weiterbildungsbeteiligungschancen realisierbar werden.

Literatur

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Autorinnen

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch das Peer-Review und die Redaktionskonferenz am 13.8.2020 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following a qualitative peer review at the editorial meeting on the 13th August 2020.

Damit sind Menschen gemeint, die nicht so gut lesen und schreiben können, „allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze“ (Grotlüschen et al. 2020, S. 15). Im Jahr 2018 waren dies 12,1 % der Deutsch sprechenden Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren (vgl. ebd., S. 20), wobei nur 0,7 % von ihnen an Angeboten der Grundbildung und Alphabetisierung teilnahmen (vgl. ebd., S. 46).

Ehrenamt wird hier verstanden als „in organisationale Strukturen eingebettete […] gemeinnützige sowie freiwillige […] nicht erwerbsmäßige Tätigkeit“ (Feld 2015, S. 280).

Dem Beitrag liegt also ein Mehrebenenkonzept des (didaktischen) Handelns in der Weiterbildung zugrunde.

Auch wenn eine ehrenamtliche Tätigkeit keine Beschäftigung im Sinne des § 7 SGB IV (Sozialversicherung) ist, schließt sich dieser Beitrag für die Darstellung der quantitativen Bedeutung im Feld der Begriffsverwendung von Martin et al. (vgl. 2016) an.

Nicht alle Volkshochschulen tragen zur Erhebung bei: Im Jahr 2018 beispielsweise meldeten im Rahmen des alphamonitor 218 Volkshochschulen Zahlen zu den Lehrenden, von 873 Volkshochschulen der VHS-Statistik 2018 (vgl. Reichardt et al. 2019).

Aus dem umfassenderen Begriff des Freiwilligenmanagements (vgl. Habeck 2015) werden hier weniger die strategischen als die operativen Aspekte als „Ehrenamtskoordination“ verstanden.

Damit ist – über diese vermittelt – auch die Begleitung der Lernenden gemeint.

Der vorliegende Beitrag ist weniger organisationstheoretisch als organisationspraktisch inspiriert, da die Autorinnen Mitarbeitende des vom BMBF im Rahmen der Alphadekade geförderten Projekts „1zu1Basics – Basisbildung für Alltag, soziale Integration und Chancen“ an der VHS Frankfurt am Main sind.

Damit könnte es sich auch um interorganisationale Kooperation handeln.