Erwachsenenbildung in internationaler Perspektive – zur Einleitung in den Themenschwerpunkt

Editorial

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2020 (2)

DOI: 10.3278/HBV2002W001

ISSN: 0018–103X wbv.de/hbv hessische-blaetter.de

Erwachsenenbildung in internationaler Perspektive – zur Einleitung in den Themenschwerpunkt

Sabine Schmidt-Lauff, Martin Dust

Schlagworte: Erwachsenenbildung weltweit, Internationalisierung, Globalisierung, transnationale Einflüsse

Keywords: adult education worldwide, internationalisation, globalisation, trans­national influences

Im Zusammenhang mit Internationalisierung und Globalisierung lassen sich vielfältige gesellschaftliche, kulturelle, ökonomische, ökologische und politische Transformationen beobachten, die tiefgreifende Einflüsse auch für das Bildungssystem haben und deren Wirkungen – davon gehen wir aus – für die Zukunft eher noch zunehmen werden. Entsprechend bilden den Ausgangspunkt für das vorliegende Schwerpunktheft Erwachsenenbildung in internationaler Perspektive Beobachtungen wie auch Überlegungen und eigene Fragen, die im Kontext internationaler Zusammenarbeit in Forschungs- und Austauschprojekten sowie in Verbänden entstanden sind. Ausschlaggebend waren aber ebenso Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland, das wachsende Interesse von Studierenden, Praktikerinnen und Praktikern, von denen sich viele mehr und mehr auch mit globalen Themen auseinandersetzen, sowie grenzüberschreitende Entwicklungen insgesamt, mit denen wir uns – als Geschäftsführer einer landesweiten Agentur für Erwachsenenbildung bzw. als Professorin für Weiterbildung und lebenslanges Lernen – konfrontiert sehen. Wir wollten reflektieren und versuchen einzuschätzen, ob und wenn ja, welche internationalen oder sogar globalen Entwicklungen im Kontext von Erwachsenen- und Weiterbildung bei uns hier in Deutschland ankommen. Was wird oder ist bereits daraus in Wissenschaft, Forschung und Praxis aufgenommen? Wo und wie ist es in die nationalen, regionalen oder lokalen Strukturen eingeflossen, integriert? An welchen Stellen sind eher große Fragezeichen entstanden oder wo werden Lücken sichtbar, weil internationale Themen, Trends und Strukturen „unendlich fern“ von dem liegen, was wir in der nationalen Erwachsenen- und Weiterbildungslandschaft kennen und bewegen? Werden manche internationalen und globalen Entwicklungen möglicherweise auch nicht wahrgenommen oder spielen tatsächlich auch gar keine Rolle – und wieso?

Spätestens seit den letzten Monaten und der Pandemie mit einem global sich ausbreitenden Coronavirus/COVID-19 ist deutlich erkenn- und nachvollziehbar, wie vernetzt unsere Welt ist und wie verletzlich wir darin sind. Durch Reisen, internationale Konzerne, Netzwerke, Arbeitsgruppen und private Kontakte stehen wir weltweit (keinesfalls nur virtuell) miteinander vielfältig in Kontakt. Dies hat enorme Vorteile, birgt aber auch Risiken und Herausforderungen, deren Ausmaße (neben ökologischen und individuellen (z. B. zeitlichen) Belastungen, Organisations- und Koordinationsaufwand, interkulturellen Herausforderungen u. v. m.) sich manchmal erst im Verlauf zeigen und sowohl gesellschaftlich wie individuell subjektiv in ihrem Umfang oft kaum mehr (er)fassbar scheinen. Für die Erwachsenen- und Weiterbildung gewinnen Fragen der kritischen wir nachhaltigen Auseinandersetzung an Bedeutung, in denen auch supranationale Institutionen wie die UNESCO, die OECD, aber auch die Europäische Union mitwirken. Transnationale, europäische oder regionale Zusammenschlüsse reagieren auf globale und internationale Formationen sowie auf deren Steuerungsmechanismen und bilden Strukturen, um sich kritisch und konstruktiv mit Folgen bzw. Forderungen auseinanderzusetzen (genannt werden können hier z. B. festgelegte Leistungskriterien und -maßstäbe wie bei PIAAC: https://­www.gesis.org/piaac/piaac-home oder Benchmarks wie beim Adult Education Survey AES: https://www.bibb.de/de/1656.php). Die deutsche Erwachsenen- und Weiterbildung ist dabei sehr selbstbewusst und verteidigt historische Traditionslinien (Bildung, Emanzipation, Mündigkeit), versucht sich aber auch handlungsfähig gestaltend zu beteiligen und eigene Verfahren der Organisation ebenso wie spezifische Zielgruppen, Programme etc. zu entwickeln.

Genau diese Komplexität an internationalen Verwebungen der Erwachsenenbildung nimmt auch Silke Schreiber-Barsch in ihrem einordnenden Beitrag zum Ausgangspunkt: Unter dem Titel Erwachsenenbildung transnational rückt sie den Begriff der Transnationalität in den Blick, die sich als „mehrdimensionale (= trans) soziokulturelle Konstruktionen in globalen Ordnungen“ in Praxis, Theorie und Forschung der Erwachsenenbildung widerspiegeln. Erwachsenenbildung ist längst nicht mehr nur territorial zu denken und Transnationalität deckt komparativ, vergleichend Kontextualisierungen auf und grenzt sich in ihren Traditionslinien von konkurrenten Systemvergleichen (z. B. der Leistungsfähigkeit nationaler Bildungssysteme bei PIAAC) ab. Die grundsätzliche Bedeutung und Wirkung von Vergleichen als Wege des Erkenntnisgewinns sind wertzuschätzen, weil sie uns über uns selbst hinausführen. Das Schöne am komparativen Denken und Arbeiten ist, dass sich infinite Suchbewegungen einstellen, in denen man im Anderen oder Fremden auch immer sich selbst begegnet und beinahe zwangsläufig die Nähe zu Bildungsbewegungen spürt: „Nicht bei sich selbst, weder bei der zufälligen Einzelheit des eigenen Daseins noch der gesellschaftlich vermittelten Bestimmung der eigenen Existenz stehen zu bleiben, auch nicht zu sich selbst unverändert oder bloß um neue Erfahrungen und Einsichten bereichert, zurückkehren, sondern zusätzlich ,auf die Welt über' zu gehen, die Welt namentlich Geschichte und Sprache, Länder, Nationen, äußere Verhältnisse, Staatsgeschäfte, Menschen sich anzueignen und durch die Beschäftigung mit Fremdem, Unbekanntem, selbst ein anderer zu werden, alles nach einem 'inneren Maßstab', der jedoch permanent in Veränderung begriffen ist, zu beurteilen, dies war und ist das Programm der neuzeitlichen Bildungstheorie und Bildungspraxis“ (Benner 2008). Auch wenn man heute durch zahlreiche Migrationserfahrungen und -politiken nicht mehr in dieser Art von „Aneignungsprozessen“ sprechen würde, bleiben die emphatischen Beschreibungen Dietrich Benners für den Kontakt aufgrund internationaler Perspektiven und Konstellationen doch nachvollziehbar.

Ziel des vorliegenden Schwerpunktheftes war es zudem Beiträge einzuladen, die aus einer Fülle an global kursierenden Themen einige ausgewählte Schwerpunkte herausgreifen, die bis dato keine große Präsenz im deutschsprachigen Diskurs oder in der Praxis der Erwachsenenbildung besitzen. So bildet zum Beispiel das Feld der Community Development and Education, wie im Beitrag von Christine Zeuner grundlegend erörtert, in vielen Ländern ein überaus wichtiges Konzept erwachsenenpädagogischen Handelns mit zudem empirischen und theoretischen Grundlegungen, das bei uns aber weitgehend marginalisiert, wenn nicht gar unbekannt ist. Interessanterweise finden sich dann im Lesen – auch, wenn man das Konzept der Community Education und Development selbst noch nicht kannte – Prinzipien erwachsenenpädagogischer Arbeit wieder, die der deutschen Erwachsenenbildung nicht unbekannt sind: Empowerment, politische und gesellschaftliche Teilhabe, Emanzipationsbestrebungen und -unterstützung. Zugleich zeigen sich auch affirmative Ansätze einer sozioökonomischen Mobilisierung oder qualifikatorischen Engführung, die auch der „Allgemeinen Erwachsenenbildungsarbeit“ in Deutschland nicht unbekannt sind. Man wird neugierig auf das, was in anderen Ländern eine so gewichtige Rolle spielt und bei uns fast unbemerkt in seinen Leistungen bleibt.

Dieses Interesse an dem Fremden und die Neugierde auf andere Gefüge spielt in der international vergleichenden Erziehungswissenschaft seit jeher eine entscheidende Rolle. Indem vergleichende Studien nicht nur „cross-cultural“ Zugänge erlauben, sondern auch (kritische) Positionierungen für den eigenen Standpunkt bieten, ist deutlich, dass sie keine „Einbahnstraße“ sind, sondern zu wechselseitigen Einflussnahmen anregen. Dies zeigt auch der Beitrag über Influence of Comparative Education on Comparative Adult Education Research and Practice von Emmanuel Jean-Francois (USA), in dem er eine (trans)kulturell kontextualisierte Forschung mit ihren Faktoren bzw. Wirkrichtungen für Wissenschaft und Praxis thematisiert (z. B. kultursensible Zugangsgestaltung). Eben erinnerte auch die größte wissenschaftliche Fachgesellschaft der Erwachsenenbildung, die Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), in ihrem Call for Paper zur Jahrestagung 2020 daran, dass zu den Kernmerkmalen der Erwachsenenbildung gerade ihre Pluralität, Mehrperspektivität und transdisziplinäre Offenheit gehöre, die durch internationale Bezüge und im Kontakt bzw. in Auseinandersetzungen mit globalen Entwicklungen und Kooperationen noch einmal erweitert werden. Das Spektrum, in dem sich dies entfaltet, wird bestimmt durch unterschiedlichste kulturelle und politische Systeme, geografische, ökologische, demografische und demokratische Herausforderungen sowie soziale und ökonomische Bedingungen und Interessen. „Institutionelle Gerüste“ (Caruso/Tenorth 2002) stellen in der Entstehung wie dem Umgang mit internationalen Ordnungen wichtige Funktionen dar. So geht Werner Mauch in seinem Beitrag auf Globale Trends in der Erwachsenenbildung – auf dem Weg zu „CONFINTEA VII (2022)“, der siebten internationalen Konferenz der UNESCO, ein. Diese allgemeinen Trends zur kooperativen Zusammenarbeit wie bspw. im Fokus auf Alphabetisierung und Grundbildung oder die Nutzung der Potenziale der Informations- und Kommunikationstechniken kennzeichnen die Erwachsenenbildung aus internationaler Sicht derzeit bzw. in der näheren Zukunft.

Dass es die Erwachsenenbildung als Bildungsbereich auf globaler Ebene nicht einfach hat, verdeutlicht der Beitrag von Uwe Gartenschläger Politische Interessenvertretung für die Erwachsenenbildung im internationalen Kontext, in der immer noch ein starker Fokus auf das formale Bildungssystem mit seinem Schwerpunkt auf den ersten Jahrzehnten der Bildungsbiografie gerichtet sei. Der Artikel gibt einen Überblick über wichtige globale und europäische Debatten, Tendenzen und Trägerstrukturen und plädiert für eine verbesserte und vereinheitlichte Darstellung der Ansätze und Errungenschaften der Erwachsenenbildung, um die sich in den nächsten Jahren bietenden Chancen zu nutzen. Dabei müssen existierende globale Netzwerke genutzt und gestärkt werden.

Mit dem im vergangenen Jahr 2019 erstmalig verliehenen Rita-Süssmuth-Preis für die internationale Volkshochschule will der DVV International die internationale Arbeit der Volkshochschulen würdigen und stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Erwachsenenbildung rufen. Der Beitrag von Thomas Lichtenberg würdigt die drei „Leuchtturmprojekte“ der letztjährigen ersten Preisträger, um das internationale Engagement deutscher Volkshochschulen konkret aufzuzeigen. Dies kann sowohl zur Illustration internationaler Arbeit dienen als auch Anregungen für mehr Internationalität in der Erwachsenenbildung und durch aktuelle Bemühungen der Volkshochschulen hierbei geben.

So merkwürdig es klingen mag, für uns sind es die globalen Einbettungen, die den Bezug auf Erwachsenen- und Weiterbildung erden können, indem sie an die ursprünglichen Prinzipien und die grundlegenden humanen Ansprüche in der Bewältigung sich immer verändernder, aber letztlich gemeinsam verbindender globaler Herausforderungen für Individuum und Gesellschaft erinnern: „adult learning and education equip people with the necessary knowledge, capabilities, skills, competences and values to exercise and advance their rights and take control of their destinies. Adult learning and education are also an imperative for the achievement of equity and inclusion, for alleviating poverty and for building equitable, tolerant, sustainable and knowledge-based societies“ (Belém Framework for Action, UNESCO 2009 https://www.dvv-international.­de/fileadmin/files/Inhalte_Bilder_und_Dokumente/Materialien/Curriculum_­globALE/Curriculum_globALE_2te_Ausgabe_Deutsch_Onlineversion.pdf.

Wir wünschen viel Spaß und neue Entdeckungen durch die Lektüre gerade auch für die eigenen etablierten regionalen und nationalen Ansätze.

Literatur

Benner, D. (2008): Bildungstheorie und Bildungsforschung. Grundlagenreflexionen und Anwendungsfelder. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Caruso, M./Tenorth, H.-E. (2002) (Hrsg.): Internationalisierung und Internationalisation. Semantik und Bildungssystem in vergleichender Perspektive. Frankfurt a. M.: Peter Lang.

Autorin und Autor

Sabine Schmidt-Lauff, Prof. Dr., Jahrgang 1968, Professorin für Weiterbildung und lebenslanges Lernen an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.

Martin Dust, Dr. phil., Diplom-Pädagoge, Diplom-Theologe, Jahrgang 1962, Geschäftsführer der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung des Landes Niedersachsen.