Service

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2020 (1)

DOI: 10.3278/HBV2001W012

ISSN: 0018–103X wbv.de/hbv hessische-blaetter.de

Berichte – Dokumentationen – Rezensionen

Berichte

Online-Lernangebot für Lehrende in der Erwachsenen- und Weiterbildung

Das Informations- und Vernetzungsportal wb-web.de ist um einen Lernbereich erweitert: Etwa 530.000 Lehrende in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung sind die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer von individuellen, multimedial aufbereiteten Lerninhalten.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE) hat sich zur Aufgabe gemacht, das Wissen und das Können von Lehrenden in der Erwachsenen- und Weiterbildung zu unterstützen, damit sie ihren Berufsalltag professionell(er) meistern. Deshalb hat ein Projektteam des DIE in den letzten vier Jahren eine webbasierte Lernumgebung entwickelt, die die (Weiter-)Entwicklung erwachsenenpädagogischer Handlungskompetenz fördert.

Die neue, adaptive Lernumgebung berücksichtigt den Wissensstand der Nutzer*innen und greift Fragen zu praxisnahen erwachsenenpädagogischen Situationen auf. Die Lerninhalte und Materialien stehen den Lernenden als Open Educational Resources (OER) frei zur Verfügung und können kostenlos genutzt, bearbeitet und weiterverbreitet werden. Die Lernpfade sind unterschiedlich lang, bestehen aus einzelnen Lernschritten und sind multimedial aufbereitet, z. B. in Form von Videos, Animationen oder Infografiken. Über drei Wege kann auf die Lernpfade zugegriffen werden: über eine freie Suche, aus einem konkreten Bedarf heraus oder um gezielt erwachsenenpädagogische Kompetenzen weiterzuentwickeln. Diese Lernpfade werden in den nächsten Monaten noch erweitert. Die Lerninhalte thematisieren auf unterschiedlichen Lernniveaus verschiedene Phasen der Kursgestaltung, wie z. B. Fragen zur Gestaltung von Seminaranfängen, zum Umgang mit Lernwiderständen oder neuen Medien.

Weitere Informationen: www.wb-web.de/lernen.html

Quelle: www.die-bonn.de/institut/wir-ueber-uns/presse/mitteilungen/eule-lernbereich.aspx [02.03.2020]

Auszeichnung als Digitaler Ort Niedersachsens

Die Universität Hannover und die Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung sind heute offiziell ein „Digitaler Ort Niedersachsen“. Das Land Niedersachsen hat die Institutionen für das Projekt „OpenDigiMedia“ ausgezeichnet. „Mit der Auszeichnung ‚Digitale Orte Niedersachsen‘ rücken wir Initiativen, Projekte, Unternehmen und Institutionen in den Fokus, die sich besonders für die Digitalisierung engagieren und damit einen wichtigen Beitrag für die Innovationskraft unseres Landes leisten“, so Staatssekretär Stefan Muhle. Für die Projektleiterin Prof. Dr. Steffi Robak und ihr Team vom Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung der Universität Hannover hat der Preis einen besonderen Stellenwert: „Die Auszeichnung zeigt, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, auch über die Hochschule hinaus, unabdingbar ist, um den gesellschaftlichen Herausforderungen adäquat zu begegnen“.

Das Projekt hat zum Ziel, Beschäftigte aus kleinen und mittleren Unternehmen des produzierenden Gewerbes mit Themen zur Digitalisierung der Produktion in Berührung zu bringen. Durch den Aufbau einer kostenlosen Lernplattform „OpenDigiMedia.de“, mit vielfältigen, frei zugänglichen Onlinekursen, wird den Nutzerinnen und Nutzern seit April 2019 ein zeit- und ortsunabhängiges und dennoch strukturiertes Lernen ermöglicht. Bis Juli 2020 sollen mindestens zehn Onlinekurse mit ca. 30 Stunden an Lernmaterial zur Verfügung gestellt werden.

OpenDigiMedia ist ein Verbundprojekt, gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Niedersachsen im Rahmen der Richtlinie „Öffnung von Hochschulen“, an dem unterschiedliche Einrichtungen aus Wissenschaft und Praxis beteiligt sind. Weitere am Projekt beteiligte Partner:

Um die Auszeichnung „Digitale Orte Niedersachsen“ können sich Schulen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups, kleine und mittelständische Firmen ebenso wie Industriebetriebe, Handwerksbetriebe, karitative Einrichtungen und andere Institutionen bei der Digitalagentur Niedersachsen bewerben. Die Auszeichnung würdigt das außergewöhnliche Engagement für das Gelingen der Digitalisierung im jeweiligen Bereich. Die Ausgezeichneten verpflichten sich im Gegenzug, andere Menschen und Institutionen über ihren Weg zur fortschreitenden Digitalisierung zu informieren.

Quelle: www.uni-hannover.de/de/universitaet/aktuelles/online-aktuell/details/news/auszeichung-als-digitaler-ort-niedersachsens/ [02.03.2020]

Rezensionen

Regina Soremski: Bildung – Institution – Lebenswelt. Eine biografische Studie zu institutioneller und lebensweltlicher Bildung im Lebensverlauf von BildungsaufsteigerInnen. Opladen – Berlin – Toronto 2019. Barbara Budrich Verlag. (= Schriftenreihe der DGfE-Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung. Bd. 4). ISBN 978-3-8474-2229-7.

Die Studie von Regina Soremski ist der qualitativen Biografieforschung zuzuordnen, die seit den 1980er Jahren wiederholt den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungswegen erforscht, insbesondere zu den sozioökonomischen und kulturellen Ausgangsbedingungen von Töchtern und Söhnen aus bildungsfernen Elternhäusern für weiterführende Bildungsgänge. Der Forschungsstand gibt sowohl über quantitative als auch qualitative Projekte Aufschluss, deren Ergebnisse entsprechend abgrenzend von Soremski, bezogen auf ihre eigene Fragestellung, eingeordnet werden. Frühere Studien berücksichtigten lediglich die Institutionen Schule und Hochschule vor dem Hintergrund der sozialen Herkunftssituation und vernachlässigten die Anregungen der Peerkultur oder anderer Lebenswelten, die als Sozialisationskontexte zu Bildungskontexten werden können. Soremskis Kritik bezieht sich auf den zu wenig ausgeleuchteten Zusammenhang lebensweltlicher und institutioneller Bildung im Lebenslauf von Bildungsaufsteigerinnen und -steigern. Ihre These, dass von einem aufstiegsförderlichen Zusammenspiel der lebensweltlichen und institutionellen Bildungserfahrungen über den gesamten Lebenslauf auszugehen sei, kann sie am Ende ihrer Analysen bestätigen. Es gibt offensichtlich Konstellationen, die sich gegenseitig bestärken. Aus der Lebenswelt bieten sich Anker und Möglichkeiten, die sich als Sozialisation für Handlungssicherheiten und Potenzialentwicklungen nachweisen lassen: Die Familie ist nicht ohne Wirkung - auch in Bezug auf persönlichkeitsprägende Bildungserfahrungen zu denken, regionale Eingebundenheit kann auch als Stärke erlebt werden, persönliche Ansprachen und Aufforderungen von „Förderern“ innerhalb der Institution bieten eine Chance. Doch jeder Karriereschritt hatte sich in der Lebenswelt zu bewähren.

Die Entscheidung, eine gesamtbiografische Perspektive für die Analyse einzunehmen statt nur nach einem Orientierungsmuster zu suchen, so die Argumentation von Soremski, bringt ein Ergebnis zum Vorschein, dass ein charakteristisches Muster zeigt: „In allen Fällen verlief der Bildungs- und Berufsaufstieg nicht zielgerichtet in dem Sinne, dass Berufe und Positionen von Anfang an feststanden, sondern der jeweilige Bildungs- und Berufsaufstieg erfolgte schrittweise“ (S. 285). Durch den sozialisationstheoretischen Fokus auf den Lebenslauf konnte in den Blick genommen werden, welche institutionellen und lebensweltlichen Bildungserfahrungen wie zusammenspielten, sodass ein weiterführender Bildungs- und Berufsweg eingeschlagen werden konnte (vgl. ebd.).

Die Studie von Soremski entstand auf der Basis und im Rahmen eines größeren DFG-Forschungsprojekts zum Thema „Drei Generationen Bildungsaufsteiger. Zum Zusammenhang von Herkunftsmilieu und Gesellschaftssystem im Ost-West-Vergleich“ sowie eines DFG-Projekts zu Arbeiter- und Bauernfakultäten. Aufgrund der biografisch-narrativen Interviews, die im Rahmen der genannten Projekte erhoben wurden, konnte eine zielgerichtete Auswahl von drei Interviews mit Biografieträgern aus der Nacherwerbsphase für eine theorieorientierte Auswertung erfolgen, die mit einem spezifischen Konzept das „Verhältnis von lebensweltlicher und institutioneller Bildung“ untersuchte.

Theorieorientierung, das wird deutlich, ist nicht zu verwechseln mit theoriegeleiteter Forschung, sondern dient als Konzept der übergreifenden Fallanalyse von Strukturaspekten, die sich bei der Analyse von einzelnen Interviews als offensichtliche Strukturgeneratoren und damit als zentral herausstellen. Neben den Verfahren der Auswertung narrativer Interviews mit dem Ziel der Typenbildung, verbunden mit der Herausarbeitung von Fallstrukturhypothesen, lässt sich durch den Einsatz von theoretischen Konzepten das empirisch gewachsene Wissen auf eine theoretische Ebene heben. Damit konnte Soremski intensiv nach der Entstehung und Entwicklung unterschiedlicher Handlungskontexte forschen. Als aufstiegsförderliche Passungskonstellationen erfasste sie ausdifferenziert kulturelle, inhaltliche und personelle Passungen zwischen Lebenswelt und Institution. Die Passungsverhältnisse, die sich vorrangig auf der Mikro-Meso-Ebene feststellen ließen, sind jedoch auch abhängig von den makrostrukturellen Faktoren von Bildungslandschaften und vom Arbeitsmarkt.

Als Typologie der Verhältnisbestimmungen zwischen Lebenswelt und Bildungsinstitutionen konnten folgende Muster unterschieden werden:

Für die Profilierung der Typologie wurden von Soremski weitere Auswertungen von Biografien aus dem großen Sample der genannten Projekte herangezogen, in denen sie mitgearbeitet hat. Diese Projektergebnisse zeigen generell, dass die Theorie­bildung in der qualitativen Forschung sich weiterentwickelt hat und ihre methodo­logische Reflexion ausdifferenziert wurde. Sie ist im Vergleich zu den Anfängen vielfältiger geworden und hat Grenzen der früheren Forschungen überschritten, doch sind deren Ergebnisse zur Thematik Bildungsaufstieg für den Diskurs immer noch wichtig.

Anne Schlüter

Anika Denninger, Ramona Kahl, Sarah Präßler (2020): Individuumsbezogene Zeit­budgetstudie: Zeitvereinbarkeit und Lernzeitbudget in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Heidelberg 2020. Springer VS. ISBN 978-3-658-27500-6.

Mit der „Individuumsbezogenen Zeitbudgetstudie“ legen Denninger, Kahl und Präßler ein weiteres Forschungsergebnis der Förderlinie „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ vor, die auf eine erfolgreiche Realisierung von Angeboten der Hochschulweiterbildung gerichtet war. Die Autorinnen rücken zeitbezogene Vereinbarkeitsstrategien von Teilnehmenden an Hochschulweiterbildung in den Fokus, denen sie eine zentrale Bedeutung für den Teilnahmeerfolg beimessen. Erklärtes Ziel der Studie ist es, verwertbare Ergebnisse zu Zeitverbrauch, Zeitmanagement und Vereinbarkeitsstrategien – vor allem in der „Black Box Selbstlernphasen“ – zu gewinnen und damit zur erfolgreichen Angebotsgestaltung wissenschaftlicher Weiterbildung beizutragen. Damit ist die Studie vor allem für Praktiker*innen, insbesondere bei der Programmplanung, wichtig. Ihr Fokus liegt klar auf der marktgängigen Angebotsgestaltung, nicht auf zeittheoretischen Überlegungen.

Angeknüpft wird aufgrund bislang mangelnder Erkenntnisse aus dem Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung an den ebenfalls eher spärlichen Studienbestand aus dem grundständigen Studienbereich einerseits sowie dem Fernstudium andererseits. Konkret verweisen die Autorinnen etwa auf die ZEITlast-Studie von Schulmeister und Metzger von 2011, auf die Trendstudien Fernstudium 2011 und 2014 sowie auf die eigenen Vorarbeiten aus dem Verbundprojekt WM³ Weiterbildung Mittelhessen. Einem induktiv-qualitativen Paradigma folgend, verknüpft die individuumsbezogene Zeitbudgetstudie Erhebungen von Teilnehmer*innen an wissenschaftlichen Weiterbildungsangeboten des Projektverbunds WM³ Weiterbildung Mittelhessen, die im Rahmen von zwei Teilstudien entstanden. Erkenntnisse aus 26 leitfadengestützten Interviews wurden mithilfe einer strukturierten Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet und mit den Ergebnissen aus 17 Zeitprotokollen und Kurzinterviews kombiniert. Die Auswertung berücksichtigt dabei zielgruppen-, maßnahmen-, fach- und zeitpunktspezifische Unterschiede der Befragten. Differenziert wurde etwa nach Familienpflichten, beruflicher Vorbildung, beruflicher Position, wöchentlicher Arbeitszeit sowie dem Studienzeitpunkt. Ebenfalls wurden die Maßnahmen in Zertifikate, hochschulisch-postgraduale Weiterbildungsangebote sowie konsekutiv-duale Masterstudiengänge unterteilt, die Fachrichtung in Sozialwissenschaften und Wirtschafts-/Ingenieurwissenschaften. Als schwierig erwies sich für die Autorinnen vor allem die Gewinnung geeigneter Proband*innen in ausreichender Anzahl, weshalb die Befragtengruppe um Teilnehmende weiterer vergleichbarer berufsbegleitender Maßnahmen außerhalb des Projektes erweitert wurde.

Die empirischen Befunde der beiden Teilstudien decken als zentrale zeitbezogene Themen die Teilnehmendenmotivation, Zeitaufwand, Lernverhalten und -strategien, Vereinbarkeit mit anderen Lebensbereichen sowie daraus entspringende Konflikte ab. Als Haupterkenntnisse lassen sich mehrere zeitbezogene Erfolgsfaktoren für wissenschaftliche Weiterbildung festhalten: Zunächst erscheinen „individuelle vereinbarkeitsfördernde Regelungen“ aufgrund der hohen Heterogenität der Zielgruppen unabdingbar. Familienpflichten spielen wie erwartet eine große Rolle in der individuellen Lernzeitplanung, sowohl von Frauen als auch von Männern. Aufgewendete Stunden wie auch die Lernanlässe gestalten sich pro Person sehr individuell, weshalb kaum pauschale Aussagen getroffen werden können. Grob lassen sich die Teilnehmenden den beiden Lerntypen „Blocklernen“ und „fragmentarisches Lernen“ zuordnen. Beide nutzen vor allem zur Verfügung stehende Freizeit als Lernzeit. Entsprechend bilanzieren die Autorinnen, dass zeitbezogene Optimierungsbedarfe für die wissenschaftliche Weiterbildung aufseiten des hochschulischen Weitebildungsangebots sowie bei der Vereinbarkeit mit Beruf und Privatleben bestehen. Unterstützungsmaßnahmen in allen drei Bereichen können die zeitliche Vereinbarkeit der Weiterbildung verbessern: Dazu zählen insbesondere eine Flexibilität der Modulabfolge und optimierte Beratungs- und Betreuungsstrukturen aufseiten der anbietenden Hochschulen, die Freistellungspraktiken und die Unterstützung auf Berufsseite sowie durch das private soziale Umfeld. Die Weiterbildungsteilnehmenden können durch Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens und der individuell geeigneten Lernstrategien mit einem guten Zeitmanagement die Vereinbarkeit ebenfalls positiv beeinflussen.

Der Faktor Zeit ist damit ein zentrales Entscheidungskriterium für oder gegen eine Weiterbildung seitens potenzieller Teilnehmer*innen und kann aus Sicht der Autorinnen als Marketinginstrument eingesetzt werden. Von den Erkenntnissen der individuumsbezogenen Zeitbudgetstudie können vor allem Angebotsverantwortliche in der wissenschaftlichen Weiterbildung profitieren, um die zeitliche Vereinbarkeit ihrer Angebote durch gezielte Unterstützung zu verbessern und so zu einem größeren Lernerfolg bei den Teilnehmenden beizutragen. Wenn auch konkrete Beiträge zur zeitbezogenen Theoriebildung ausbleiben, so kann die individuumsbezogene Zeit­budgetstudie doch dazu beitragen, Zeit als gewichtigem Faktor der Angebotsgestaltung in der Erwachsenenbildungsforschung eine erhöhte Beachtung zu verschaffen.

Jan Schiller