Berichte – Rezensionen

Service

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (3)

DOI: 10.3278/HBV2103W011

ISSN: 0018–103X     wbv.de/hbv     hessische-blaetter.de

Berichte – Rezensionen

Nachruf Professor Dr. Wolfgang Metzler
19. September 1949 – 2. April 2021

Dr. Hanns Thiemann

„Ach, Sie sind Professor für Mathematik? Wie schön, dass Sie da einen Ausgleich in der Musik finden!“ Ich glaube, das war der häufigste Satz, den Wolfgang Metzler in seinem Leben zu hören bekam, und er wurde nicht müde etwa wie folgt zu antworten:

„Nein, Sie irren! Die Musik ist ebenso wenig Ausgleich für die Mathematik, wie die Mathematik (rational verbrämter) Ausgleich für künstlerische Tätigkeit ist. Kunst und Wissenschaft, Lehre und Forschung, Dienst am Nächsten und Theologie sind Aspekte, die sich gegenseitig durchdringen, befruchten und verstärken. Sie sind nur als Ganzes denkbar.“

Wir können als Außenstehende feststellen: und Wolfgang Metzler war das lebende Beispiel hierfür! Die Umsetzung in seinem Leben erfolgte konsequent: Nach dem Studium von Mathematik und Schulmusik bezog er sein Einkommen als Hochschullehrer in der Mathematik und leitete seit Studententagen bis weit über seine Emeritierung hinaus den Usinger Kirchenchor. Fachlich höchstes Ansehen unter internationalen Fachkolleg*innen und hohe Beliebtheit unter Studierenden waren ebenso der ideelle Lohn wie die Wertschätzung in der Kirchengemeinde vor Ort.

In der hessischen Heimvolkshochschule Burg Fürsteneck fand er eine zweite Heimat. Als Student lernte er hier musische Freizeiten kennen, wie sie dort seit den 1950er Jahren von der Musischen Gesellschaft veranstaltet werden. Später avancierte er nicht nur zu deren Vorsitzendem, sondern engagierte sich kräftig im Vorstand des Trägervereins der Heimvolkshochschule. Sein Eintreten für eine ganzheitlich musisch-wissenschaftliche Bildung auf institutioneller Ebene wurde zeitlebens begleitet vom Angebot eigener Kurse und Seminare in der Volkshochschullandschaft. Wohlgemerkt: Das tat er eben nicht, weil ihm wissenschaftliche Anerkennung nicht in ausreichendem Maße zuteilwurde, sondern sie wurde nur möglich wegen seines vielfältigen Wirkens in so unterschiedlichen Ebenen.

Volkshochschulbildung war (und ist) nicht immer unumstritten in ihrer Daseinsberechtigung. Kaum jemand verstand es, hier so authentisch für sie einzutreten, wie er. Auch wenn manche Kämpfe nicht spurlos an ihm vorübergingen, fand er dabei bis zuletzt immer wieder Kraft für neue Projekte.

Im Jahre 2004 fand die erste hessische Schülerakademie auf Burg Fürsteneck unter seiner Leitung und der von Dr. Cynthia Hog-Angeloni statt. Seither gehören die Schülerakademien unter der Schirmherrschaft des Kultusministers zum festen Bestandteil der hessischen Bildungslandschaft. Grundlage ist auch hier die Verbindung musisch-kultureller Bildung mit der Förderung begabter Schüler*innen in den Wissensgebieten Physik und Philosophie, Chemie und Informatik und natürlich neben anderen auch Mathematik und Musik.

Das Andenken an seine vielfältig begabte Persönlichkeit wird Wolfgang Metzler nur gerecht, wenn sein Eintreten für die freie Entfaltung einer ganzheitlichen Bildung in jedem Lebensalter weitergetragen werden kann. Hierin nicht nachzulassen, mag seine Vita uns allen Mut machen.

Nationale Weiterbildungsstrategie legt Berichte vor

Am 8. Juni 2021 haben die Partner der Nationalen Weiterbildungsstrategie nach rund drei Jahren den Umsetzungsbericht zur Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS) sowie die Abschlussberichte der begleitenden Themenlabore online vorgestellt und publiziert. Die Berichte dokumentieren das bisher Erreichte und sind online kostenlos abrufbar auf den Internetseiten der beiden federführenden Ministerien Bildung/Forschung und Arbeit/Soziales (BMBF und BMAS) auf Bundesebene:

Die Berichte geben Empfehlungen zur Weiterentwicklung der bearbeiteten Handlungsfelder und zeigen eine Perspektive für eine Fortführung eines strategischen Ansatzes zur Stärkung der beruflichen Weiterbildung auf. Die NWS-Partner selbst sehen in dem Umsetzungsbericht ein starkes Signal, dass Politik und Gesellschaft sich gemeinsam den Herausforderungen in der Arbeitswelt stellen und neue, innovative Lösungswege entwickeln. In einer Reihe an Kommentaren wurde zuvor die Strategie im Prinzip begrüßt, aber u. a. die Engführung von Weiterbildung auf fast ausschließlich berufliche Weiterbildung kritisiert.

Erwachsenenbildungsgesetz vom Land Berlin verabschiedet

Bernd Käpplinger

Nun fehlt nur noch in der Hansestadt Hamburg ein Ländergesetz zu Erwachsenen-/Weiterbildung. Am 20. Mai hat das Abgeordnetenhaus von Berlin das Berliner Erwachsenenbildungsgesetz ohne Gegenstimmen verabschiedet. Damit haben fast alle Bundesländer nun ähnliche Gesetze, wenngleich die Gesetze je nach Bundesland zum Teil erheblich differieren. Lediglich die AfD hat sich im Abgeordnetenhaus bei der Abstimmung enthalten, aber selbst die Oppositionsparteien CDU und FDP haben dem Gesetz zugestimmt. Dies ist einerseits als großer Erfolg für alle Beteiligten zu werten. Andererseits macht das Gesetz wenig konkrete Zusagen und insbesondere im Bereich der Finanzierung bleibt es zumeist sehr vage, sodass die große Zustimmung nicht ganz überrascht. Allein für 2021 stehen jedoch gemäß Haushalt nun zumindest circa 500.000 Euro für einen neuen Projektfonds für Innovationen in der Erwachsenenbildung zur Verfügung, was im Land Berlin ein Novum darstellt. Ansonsten schafft das Gesetz neue Strukturen bzw. sichert Strukturen ab. Dies betrifft die Landeszentrale für politische Bildung, die Bildungsberatung und neue Gremien wie ein neuer Beirat für Erwachsenenbildung sowie Weiterbildungsbericht und -statistik. Viele Akteurinnen und Akteure schätzen das Gesetz als Beginn einer Entwicklung ein, die nun mit Leben gefüllt werden muss, um Wirkung über die Symbolik hinaus zu erfüllen.

Schulenberg-Preis 2020 für Clara Kuhlen verliehen

Bernd Käpplinger

Nach Dr. Sarah Widany (2014) und Dr. Claudia Pohlmann (2016) wird mit dem nun dritten Wolfgang-Schulenberg-Preis im Jahr 2020 Dr. Clara Kuhlen von der Universität Würzburg ausgezeichnet. Am 17. Juni 2021 fand die Preisverleihung bei der Mitgliederversammlung des Niedersächsischen Bundes für freie Erwachsenenbildung e. V. statt. Die Einrichtung des Preises wurde vom Wolfgang-Schulenberg-Institut für Bildungsforschung und Erwachsenenbildung in Oldenburg und der Witwe von Wolfgang Schulenberg ideell unterstützt. Finanzielle Zuschüsse zu den Druckkosten leisten der Peter Lang Verlag, der Niedersächsische Bund für freie Erwachsenenbildung e. V. sowie die beiden Reihenherausgeber. Clara Kuhlen beschäftigt sich in ihrer Arbeit sehr fundiert und innovativ gemäß Titel der Arbeit mit „Differenzierungspraktiken in der Erwachsenenbildung – Eine Situationsanalyse zu Diversity im Programmplanungshandeln“ theoretisch und empirisch auf der Basis von Interviews mit Programmplanenden. Die Promotionsschrift erscheint 2021 bei Peter Lang als Band 79 in der Reihe Studien zur Pädagogik, Andragogik und Gerontagogik.

Rezensionen

Jörg Wollenberg (2020): Mehr Demokratie mit Kultur und Bildung wagen. Ein kritischer Blick auf 100 Jahre Volkshochschulen. Berlin: trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, 174 Seiten, ISBN 978-3-86464-063-6.

Ulrich Klemm

Die Weimarer Verfassung von 1919 und den darin enthaltenen Artikel 148, Abs. 4, nahmen die Volkshochschulen 2019 zum Anlass, ihr 100-jähriges Jubiläum zu feiern, wohlwissend, dass auch bereits vor 1919 Abendvolkshochschulen in Deutschland gegründet worden waren. Das machte dieses Jubiläumsdatum jedoch nicht willkürlich oder obsolet. Es markiert vielmehr einen entscheidenden Schritt in der deutschen Bildungspolitik auf dem Weg zum lebenslangen Lernen: Volksbildung und Volkshochschulen wurden erstmals als staatliche bzw. kommunale Aufgabe verstanden und erhielten einen öffentlichen Charakter. In diesem Sinne ist es aus bildungspolitischer Perspektive legitim, den Beginn der deutschen Volkshochschulbewegung mit der Weimarer Verfassung zu verbinden, auch wenn es bildungshistorisch nicht signifikant ist. Vor diesem Hintergrund kam es 2019 bundesweit zu einer Vielzahl von Jubiläumsveranstaltungen bei Volkshochschulen und ihren Verbänden.

In diesem Zusammenhang steht auch der vorliegende Band von Jörg Wollenberg mit einem kritischen Blick auf 100 Jahre Volkshochschule. Er beginnt seine Ausführungen mit einem dramatischen Vorfall aus der Bremer Volkshochschule Ende der 1970er Jahre, als es um eine konservative Neuausrichtung der politischen Bildung ging, die von ihrem damaligen Leiter, Karlheinz Schlosser, nicht mitgetragen wurde und er daraufhin die VHS verlassen musste und sich schließlich das Leben nahm. Damit deutet Wollenberg das an, um was es ihm geht: um das politisch-gesellschaftliche Selbstverständnis der VHS.

Er verknüpft die Ideen- und Institutionengeschichte der VHS mit Personen und stellt diese in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext, wenn er z. B. die Beziehung von Gustav Radbruch, Hermann Heller, der Kieler VHS, der „Leipziger Richtung“ und dem „Hofgeismar Kreis“ der SPD aufzeigt oder über den linken Publizisten Walter Fabian (1902–1992) und sein Wirken in Dresden, Leipzig und Chemnitz berichtet. Im Mittelpunkt seiner Analysen stehen die Volkshochschulen in Kiel, Nürnberg, Leipzig, Bielefeld und Bremen. Er beschreibt sie aus einem politischen Spannungsverhältnis heraus, das zwischen konservativen und progressiven politischen Kräften besteht, die auf die VHS einwirkten. Das „große Ganze“ und ein systematischer Blick werden allerdings vernachlässigt. Es ist keine „Geschichte der VHS“; es sind vielmehr Episoden aus dem VHS-Alltag. Wollenberg ist von der Notwendigkeit einer politischen VHS – nicht jedoch im Sinne einer parteipolitisch-ideologischen Richtung – überzeugt und beschreibt diese Tradition, die für ihn nach 1919 mit Gustav Radbruch (Kiel), Hermann Heller oder Gertrud Hermes (beide Leipzig) begann und heute auch als „Leipziger Richtung“ Eingang in die Geschichte der VHS-Bewegung gefunden hat. Seine Sympathien für die Arbeiterbildung und die „Leipziger Richtung“ sind dabei offensichtlich. Ihr Proprium war ein Mix und eine Parteinahme für die Weimarer Verfassung, den Sozialismus, die Arbeiterbewegung und die deutsche Aufklärung. Jedoch weist er auch deutlich auf die bereits früh sichtbaren rechtskonservativen, deutschnationalen und völkischen Tendenzen in der VHS-Landschaft hin. Er nennt hier beispielsweise den ehemaligen Leiter der VHS Berlin-Wilmersdorf von 1945 bis 1948, Ernst Niekisch. Ein prägendes Kennzeichen des Bandes ist der Blick auf die gesellschaftspolitische Dynamik, die vielfach mit der VHS-Arbeit verbunden ist. Es wird deutlich, dass die VHS immer ganz nah an der Politik war und ist, vielfach zu ihrem Spielball wurde und immer wieder Versuche einer Instrumentalisierung unterschiedlicher politischer Kräfte erfolgten.

Seine Ausführungen sind essayistisch strukturiert. Ein analytisches Vorgehen ist erkennbar, wird jedoch durch Details und Exkurse eingeschränkt. Es wird deutlich, dass Wollenberg über ein überaus breites und multiperspektivisches Wissen der VHS-Geschichte verfügt, in die Tiefe gehen kann und einen Blick für basale pädagogische sowie politische Struktur hat. Wollenberg nimmt auch die großen politischen Transformationsepochen, das Ende des Faschismus 1945 und die Wiedervereinigung 1990 in den Blick und fragt nach den Konsequenzen für die VHS. Was allerdings fehlt, ist der VHS-Blick auf das geteilte Deutschland, auf die Differenzen zwischen Ost und West während und nach der Mauer. Breiten Raum nehmen dagegen die gesellschaftspolitischen Kontexte der letzten 100 Jahre ein. Immer wieder findet die Auseinan­dersetzung mit dem Faschismus im Horizont der lokalen Zeitgeschichte in seinen Ausführungen statt. Er macht dabei deutlich, wie eng die Bildungsarbeit und Bildungspolitik mit gesellschaftlichen Verfasstheiten verbunden ist. Interessant ist auch der Blick auf die Wiederbesetzungen der Volkshochschulen nach 1945. Viele (links-)​liberale Pädagogen, auch aus dem Exil kommende, suchten nach 1945 eine neue (alte) berufliche Heimat in der VHS – jedoch in vielen Fällen vergebens, da die Neubesetzungen vielfach zum Politikum wurden und sich konservative Kräfte durchsetzen konnten. Was von Wollenberg auch immer wieder hervorgehoben wird, sind charismatische und profilierte VHS-Leiter, die Erwachsenenbildungsgeschichte geschrieben haben, z. B. Hermann Heller oder Frist Borinski. Wollenberg bleibt bei seiner Analyse jedoch in dem Kreis der Volkshochschulen Kiel, Bremen, Nürnberg, Bielefeld und Leipzig hängen. Ein Blick darüber hinaus – z. B. in den ländlichen Raum – fehlt.

Der Band ist anekdotenhaft mit einer Abfolge von Einzelanalysen, die für sich gesehen zwar in die Tiefe gehen und aufschlussreich sind, einem systematischen Gesamtblick auf 100 Jahre VHS, wie im Untertitel angekündigt, jedoch nur eingeschränkt gerecht werden. Insgesamt ist das Buch zweifellos – trotz der kritischen Anmerkungen – eine Bereicherung für den historisch-politischen Blick auf die VHS und macht insbesondere gesellschaftliche Kontexte ihrer Arbeit transparent.

Olaf Dörner, Anke Grotlüschen, Bernd Käpplinger, Gabriele Molzberger, Jörg Dinkelacker (Hrsg.) (2020): Vergangene Zukünfte – neue Vergangenheiten. Geschichte und Geschichtlichkeit der Erwachsenenbildung. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich (= Schriftenreihe der Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft), 312 Seiten, ISBN: 978-3-8474-2423-9, eISBN: 978-3-8474-1559-6.

Paul Ciupke

Der etwas mehr als 300 Seiten starke Sammelband dokumentiert Vorträge aus der Jahrestagung 2019 der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft/Sektion Erwachsenenbildung. Neben der Einleitung sind 24 Einzelbeiträge zu lesen, die unter sechs Themenschwerpunkten versammelt sind: Die beiden ersten Abteilungen dokumentieren Beiträge zur Disziplin- und Methodengeschichte, die weiteren beziehen sich auf konkrete Gegenstandsunterscheidungen wie Institutionen, Angebote, Profession und Begriffsgeschichte.

Es handelt sich in der Mehrzahl um Artikel, die sich als Fallstudien überwiegend auf den Zeitraum nach 1945 beziehen. Nicht alle Beiträge können hier angemessen betrachtet und gewürdigt werden. Im Fokus sollen vor allem solche stehen, die helfen, wieder einen methodischen und systematischen Anschluss an die historische Erwachsenenbildungsforschung zu finden. Die letzte Sektionssitzung mit der Erwachsenenbildungsgeschichte im Fokus hat nach Christine Zeuner 1984 stattgefunden, ein durchaus erstaunlicher Zeitabstand. Der Großteil historischer quellenbasierter Überblicksstudien ist in den 1960er und 1970er Jahren entstanden. Später gab es noch einige Ausschläge nach oben auf der Veröffentlichungsskala, aber seit Anfang 2000 sind nur noch wenig Aktivitäten zu verzeichnen, die über Detailstudien und Gelegenheitsarbeiten hinausgehen. Auch ist ein Großteil der jüngeren fachlichen Selbst­verständnisdiskussionen der Historikerschaft an den Erwachsenenbildungsöffentlichkeiten vorbeigelaufen, dazu zählen insbesondere die Diskurse der neueren Kulturgeschichtsschreibung und die einer vergleichenden Globalisierungsgeschichte.

Zu den Besonderheiten des Feldes gehört, dass es eigentümliche Quellen gibt, die – synchron und diachron gedeutet – vielfältige Aufschlüsse über thematische und methodische Entwicklungen geben können. Mit den Potenzialen solcher Programmanalysen setzen sich Stefanie Freide, Galina Burdukowa und Marion Fleige auseinander. Konkreter wird es in dem Beitrag von Malte Ebner von Eschenbach und Jörg Dinkelacker, die am Beispiel von Arbeitsplänen der VHS Halle aus den 1920er Jahren den Wandel der „Angebotskommunikation“ untersuchen und so die Fruchtbarkeit solcher Untersuchungen sehr konkret illustrieren.

Auf eine sehr viel breitere Quellen- und Dokumentenbasis und das Erfordernis umfänglicherer Rahmungen beziehen sich die Reflexionen von Nicole Hoffmann, die neben Christine Zeuner und Wolfgang Seitter zu den wenigen gehört, die sich regelmäßig geschichtlichen Projekten zuwenden. Sie fordert – sehr zu Recht – eine umfassendere Auseinandersetzung „mit Anschlüssen an die Allgemeine Pädagogik und die Geschichtswissenschaft“.

Verschiedene Geschichtserzählungen der Schweizer Erwachsenenbildung versuchen Ulla Klingovsky, Claudia Zimmerli-Rüetschi und Sarah-Mee Filep diskursanalytisch zu erschließen. Anhand der „Konsensformel berufliche Weiterbildung“ werden Vorgehen und erste Ausschnitte einer umfassenderen Studie vorgestellt. Nach einigen methodischen Einführungen und Erläuterungen identifizieren und diskutieren sie drei historische „Schlüsselstellen“: die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, die Strukturkrise nach der Wirtschaftswunderzeit in den 1970er Jahren und die Weiterbildungsoffensive in den 1990er Jahren. Im Ergebnis bildet sich die Erzählung von der Qualifikationsorientierung in der Weiterbildung heraus, welche in der jüngeren Zeit offenbar alternativlos erscheint.

Der Band wird eröffnet von Christine Zeuner mit einem Überblicksbeitrag zur Bedeutung historischer Forschung für die Erwachsenenbildung. In ihrem Resümee fragt sich die Verfasserin, ob Erwachsenenbildung sich heute weiterhin einem neoliberalen Regime beugen will oder sich nicht besser immer wieder mit einem historischen Blick der Aufklärungstradition versichert. Und der Mitherausgeber Bernd Käpplinger befragt die Welle an Jubiläumsfeiern und -schriften, die 2019 begangen wurden bzw. erschienen sind, weil 1919, also vor 100 Jahren, die Förderung der Volksbildung in die Verfassung der Weimarer Republik aufgenommen wurde. Auffällig ist für den Autor, dass in früheren Rückblicken dieser Art der Zeitpunkt 1919 kaum eine Rolle spielte. Für Käpplinger steht hinter der intensiven Inanspruchnahme des Datums auch eine Marketingstrategie. Aber man müsste noch kritischer den zum großen Teil willkürlichen Konstruktionscharakter dieses 100-Jahre-Jubiläums offenlegen. Volkshochschulen gab es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg, 1919 waren Volkshochschulen in der Regel zivilgesellschaftliche und keine kommunalen Einrichtungen, und die Volksbildung schloss in der Weimarer Republik auch andere Trägergruppen und viel weiter gefasste Aktivitäten ein. Dass der Volkshochschulverband dieses Datum so exklusiv für sich instrumentalisieren konnte, ist ein geschichts- und erinnerungspolitischer Coup gewesen.

Der Band bietet natürlich vieles mehr an Momentaufnahmen und Einblicken in die frühere Praxis und ihre Begründungen. Nicht neu, aber wichtig sind die historischen Praktiken von Bildungsreisen (Sebastian Zick), die lange Geschichte des Einsatzes von Medien (Matthias Rohs zum einen sowie zum anderen Karin-Julia Rott/Bernhard Schmidt-Hertha), die Geschichte eigener Häuser (Anke Grotlüschen/Lukas Eble/Rachel Mayr) und die Entwicklung von einzelnen Verbänden (Julia Franz). Andere Beiträge ermöglichen ein Schaufenster in weibliche Gelehrsamkeit und schriftliche Korrespondenzen (Beatrix Niemeyer) oder betonen die große Bedeutung von Frauen und der Frauenbewegung in der Erwachsenenbildung (Anne Schlüter), erinnern an den Solidaritätsbegriff in der Arbeiterbildung (Lariana Metzger) oder rekapitulieren die vergessene Frühgeschichte des Bildungsurlaubs (Antje Papst). Gabriele Molzberger sucht nach den Spuren der Beziehungen von Hochschule und Erwachsenenbildung in den Jahren nach 1945.

Oftmals wird (allzu) selbstkritisch auf die legitimatorischen Funktionen einer Bildungsgeschichtsschreibung verwiesen, als wären deren Ergebnisse grundsätzlich, also aus eigenem Recht, nicht tragfähig und würden nur der Idealisierung von Praxiselementen Vorschub leisten. Wer in die Historie schaut, schaut nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Breite theoretischer und praktischer Ansprüche und deren Umsetzungen. Da hat Erwachsenenbildung viel mehr zu bieten als es die jüngeren Diskurse in Profession und Disziplin suggerieren, die oft nur den aktuellen Funktionserwartungen zu folgen scheinen. Das heute meist verwendete Rubrum „lebenslanges Lernen“ ist ein um viele historische, aber auch aktuelle Dimensionen gekappter Torso der Erwachsenenbildung und der seinerzeit noch umfassender angelegten Volksbildung.

Der Band bietet viele kleine Häppchen, das ist natürlich seinem Ursprung, einer Fachkonferenz, die möglichst zahlreiche Vorträge bieten möchte, geschuldet. Zusammenhänge lassen sich oft nur schwerlich erkennen. Eine Klammer bilden sicher die eigenen Quellen und Dokumente. Aber, so ist zu beklagen: Es gibt zurzeit kein Archiv, das umfassend über alle Bereiche und Verbände hinweg einem Sammlungsauftrag nachkommt. Das Archiv des DIE verwaltet nur noch Teilbereiche des alten VHS-Programm-Archivs.

Auch sollte man sich mal wieder größere Erzählungen zutrauen, denn es gilt, die Erwachsenenbildung als ein zentrales „Produkt“ und zugleich Laboratorium der Moderne zu betrachten. Wer nach universellen Merkmalen moderner Gesellschaften fragt, kommt an dem (Erwachsenen-)Bildungsthema und seinen systematischen Ausweitungen, historischen Ausfächerungen und spezifischen Profilierungen nicht vorbei.