Optimierung in hessischen Volkshochschulprogrammen

Praxis

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (1)

DOI: 10.3278/HBV2101W006

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Optimierung in hessischen Volkshochschulprogrammen

Eine programmanalytische Exploration

Bernd Käpplinger

Zusammenfassung

In Form einer ersten programmanalytischen Exploration wird Verwendungsformen des Begriffs in ausgewählten hessischen Volkshochschulprogrammen von 1945 bis 2014 nachgespürt. Die Ergebnisse zeigen eine vielfältige Verwendungsweise mit deutlicher Zunahme der Begriffsverwendung seit ca. 2000 auf. Der Beitrag regt zu weiteren Analysen an und stellt abschließend die Frage, ob die fundamentale Corona-Krise zu einer abnehmenden Bedeutung des Optimierungsbegriffs führen könnte.

Stichwörter: Programmanalyse; Volkshochschulen; Hessen; Zeitgeschichte

Abstract

In the form of an initial programme-analytical exploration, forms of use of the term in selected Hessian adult education programmes since 1945 to 2014 are traced. The results show a variety of uses with a clear increase in the use of the term since around 2000. The article encourages further analyses and concludes by asking whether the fundamental Corona crisis could lead to a decreasing significance of the term optimisation.

Keywords: programme analysis; adult education centres; Hessen; contemporary history

1 Einleitung

Programme der Erwachsenen-/Weiterbildung zeichnen professionell gefiltert den Zeitgeist nach. Die Programmforschung widmet sich seit Dekaden diesem Forschungsgegenstand mit qualitativen und quantitativen Methoden, um einen Zugang zu diesen Realitätsausschnitten zu bekommen. Die Beschäftigung mit Programmen und den dortigen Kursankündigungen hilft empirisch nachzuzeichnen, welche vielfältigen Praktiken es in der Erwachsenen-/Weiterbildung gibt. Optimierung ist dabei eine mögliche Handlungsstrategie bei der Erstellung der Programme. Jedes Programm enthält aber auch Neues oder exkludiert frühere Kursideen, die nicht mehr fortgeführt werden. Insbesondere im Zeitvergleich wird deutlich, was sich verändert oder verschiebt, aber auch, wo es gegebenenfalls nach einigen Jahren Renaissancen von Bildungsthemen gibt (vgl. z. B. Gieseke & Opelt 2003; Käpplinger 2017; Käpplinger & Falkenstern 2018). Programmbereiche wachsen oder schrumpfen. Programme der Erwachsenen-/Weiterbildung enthalten Veranstaltungsankündigungen, die auf bestehenden Praktiken (optimierend) aufbauen, aber auch neue Ideen und Wege einbringen. Die Forschung widmet sich seit Dekaden (siehe für einen Überblick Nolda 2018 oder Käpplinger et al. 2017 zur internationalen Forschung) den Programmen und Ankündigungen qualitativ und quantitativ, um diese wichtigen Facetten der Realität und Außendarstellungen zu analysieren. Die Beschäftigung mit den Ankündigungstexten hilft empirisch nachzuzeichnen, welche vielfältigen und oft kreativen Praktiken es je nach Thema gibt. Optimierung ist eine mögliche Handlungsstrategie des Personals bei der Erstellung der Programme. Dazu sollte auch gehören, Optimierungskritik zu ermöglichen, da Optimierung stellenweise vielleicht nur ein Synonym für Routinen und Statik ist. Letzteres ist wichtig, allerdings kann es leicht zu Stagnation und dem Ausbleiben von Innovationen führen. Insofern ist der Optimierungsbegriff schillernd und ambivalent in seiner Relevanz für Praxis und Theorie.

2 Exploration: Vorgehen und Ergebnisse

Sucht man in einem ersten programmanalytischen Zugang (vgl. Käpplinger 2008; Nolda 2018) wortwörtlich nach dem Begriff „Optimierung“ in hessischen Volkshochschulheften seit 1945, findet man im digitalen Programmarchiv am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) seit 1973 insgesamt 64 Fundstellen bei den vier ausgewählten Volkshochschulen in Hessen, die in diesem Sample vertreten sind.

Die früheste Fundstelle von 1973 bezieht sich auf ein hybrides Format – die es nicht erst heute in der mediengestützten Erwachsenenbildungsarbeit gibt – eines fernsehbegleitenden Volkshochschulkurses zu mathematischen Problemen (siehe Abb. 1).

Zwischen 1945 und 1973 taucht der Begriff in keinem der vier untersuchten hessischen Volkshochschulprogramme auf. Außerhalb von Hessen findet sich 1961 der Begriff das erste Mal in Volkshochschulen. Häufigere Verwendungen zeichnen sich dagegen vor allem nach 2000 ab. Dies wird deutlich, wenn man sich die relative Worthäufigkeit1 von „Optimierung“ bundesweit anschaut (siehe Abb. 2).

Abbildungen

Abbildung 1: Volkshochschulprogramm von 1973

Abbildungen

Abbildung 2: Relative Häufigkeit2

Zumeist wird in den Fundstellen der Begriff „Optimierung“ in Programmen in technisch-digitalen Kontexten verwendet. Es geht in solchen Kursen um die Optimierung von Webseiten, die Optimierung von Energiesparoptionen, der Bildoptimierung im Fotokurs oder die Optimierung der Festplatte.

Manchmal wird der Begriff im Vorwort des Programms zur institutionellen Selbstbeschreibung bei Zertifizierungsprozessen verwendet wie hier bei einer Volkshochschule im Jahr 2006: „Qualitätssicherung heißt permanente Arbeit an der Optimierung aller Bereiche der Einrichtung im Dienste von Teilnehmerinnen und Teilnehmern.“

Darüber hinaus findet „Optimierung“ breite Verwendung in ganz unterschiedlichen Programmbereichen und bei unterschiedlichen Themen von Sport, Kunst, Arbeit-Beruf oder Geschichte, wie die nachfolgend ausgewählten Zitate exemplarisch veranschaulichen (Hervorhebungen d. Verf.):

Nordic-Walking – Aufbaukurs

Dieser Kurs richtet sich an Personen, die bereits einen Nordic-Walking-Kurs absolviert haben. Ziel ist es, eine Optimierung und erhöhte Fettverbrennung durch den Einsatz eines Herzfrequenzmessgerätes zu erlangen.

Hessische Volkshochschule 2007

Superlearning – Suggestopädie …?!

Es ist eigentlich egal, ob Sie unsere Lehrmethode Superlearning oder Suggestopädie nennen, es ist in jedem Fall das gleiche, nämlich:

  • effektiveres und angenehmeres Lernen
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  • angenehme Umgebung und positives Lernklima
  • Sicherheit in der Anwendung des Erlernten
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Dabei helfen Ihnen unsere fachlich kompetenten SuggestopädInnen, die sich ständig weiterqualifizieren, überall neue Ideen sammeln und diese in unserem monatlichen Arbeitskreis für Suggestopädie weitergeben und weiterentwickeln.

An der vhs ANONYMISIERT sind ca. 50 voll ausgebildete, qualifizierte SuggestopädInnen tätig, weit mehr als an jedem anderen Institut. Weitere Lehrkräfte haben sich für die nächste Ausbildungsstaffel angemeldet, so dass die Zahl der suggestopädisch ausgebildeten Lehrkräfte ständig größer wird.

Hessische Volkshochschule 2008

Grundlagen der Zeichnung

Grund- und Aufbaukurs in den Bereichen Perspektive und Proportion. Von einfachen Körpern bis hin zur Figur und dem Porträt versuchen wir zeichnerische Zugänge zu erarbeiten.

Eine ideale Starthilfe für Anfänger/-innen, für Fortgeschrittene eine Optimierung ihres Könnens. Bitte mitbringen: Zeichenblock DIN A2 oder größer, Bleistift und Knetgummi

Hessische Volkshochschule 2009

Die Geschichte der Straßenbahnen in den USA und ihrer Rationalisierungsbemühungen – „Pay as you enter“

Die Geschichte der Straßenbahnen in den USA war immer auch eine Geschichte der Rationalisierungsmaßnahmen. Von Anfang an waren die „Trolleys“ und „Streetcars“ dem rauen Wind des Marktes ausgesetzt, der sie zur wirtschaftlichen Optimierung ihres Betriebs zwang. So wurden in den USA richtungsweisende Entwicklungen vorweggenommen, etwa Großraumwagen mit Fahrgastfluss, die in Amerika bereits in den 1920er Jahren vielerorts das Straßenbild prägten, während sich in Deutschland noch bis in die 50er Jahre Schaffner durch die oft zweiachsigen Fahrzeuge bewegten. Steigen Sie ein und lauschen Sie einem Vortrag über die erstaunlichen Fortschritte, zu denen die US-Straßenbahnen schon früh getrieben wurden. Heute sind es die USA, die Straßenbahntechnologie aus Europa und Japan importieren.

Hessische Volkshochschule 2010

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Hessische Volkshochschule 2014

3 Fazit und Ausblick

Optimierung wirkt wie eine Art populärer (Omnibus-)Begriff, der anschlussfähig an sehr differente Lebens- und Lernbereichen ist. Im Zeitvergleich erfreut er sich deutlich zunehmender Beliebtheit und wird stärker verbreitet in vielen Programmbereichen. Elaboriertere Programmanalysen, die u. a. über die Suche mit nur einem Suchbegriff hinausgehen, könnten tiefergehende Aufschlüsse zu der Begriffsverwendung und -konjunktur bieten, wozu der Autor animieren möchte.

Es könnte die Hypothese geprüft werden, ob der Begriff eine Art Spill-over-Erscheinung ist, da er – wie erwähnt – zumeist eher in digital-technischen Bereichen Verwendung findet, aber von dort in andere Programmbereiche zunehmend zu diffundieren scheint. Volkshochschulprogramme könnten „seismographisch“ (Gieseke 2000) und exemplarisch die allgemeine Digitalisierung der Welt aufzeigen, wo technisch-digitale Logiken und Sprachformeln sich unmerklich ausbreiten. Das DIE-Programmarchiv bezieht sich allein auf Volkshochschulprogramme. Er wäre interessant, in einem Programmarchiv wie an der Humboldt-Universität zu Berlin für die ganze Weiterbildungslandschaft in Berlin-Brandenburg zu analysieren, wie der Begriff „Optimierung“ in anderen Weiterbildungseinrichtungen ähnlich oder anders als an Volkshochschulen Verwendung findet. So haben speziell in Hessen beispielsweise Seitter (vgl. 2013) für die konfessionelle Erwachsenenbildung oder Dröll (vgl. 1999) für den Frankfurter Weiterbildungsmarkt Studien vorgelegt. Außerdem könnte spannend sein zu verfolgen, ob die Corona-Krise diesen Trend der letzten Dekaden hin zur Optimierung abbrechen lässt, da es nun grundsätzlichere Probleme gibt, die über eine reine Optimierungsstrategie hinausgehen. Der Druck hin zur Veränderung könnte einerseits stärker werden. Andererseits könnte gerade nach der Krise die Tendenz bestehen, den Weg zurück zur alten Normalität und damit auch der Optimierung wieder zu finden.

Literatur

Dröll, H. (1999). Weiterbildung als Ware – Ein lokaler Weiterbildungsmarkt – Das Beispiel Frankfurt/Main. Schwalbach: Wochenschau.

Gieseke, W. & Opelt, K. (2003). Erwachsenenbildung in politischen Umbrüchen. Programmforschung Volkshochschule Dresden 1945–1997. Opladen: Leske + Budrich.

Gieseke, W. (Hrsg.) (2000). Programmplanung als Bildungsmanagement? Qualitative Studie in Perspektivverschränkung. Recklinghausen: Bitter.

Käpplinger, B. (2008). Programmanalysen und ihre Bedeutung für pädagogische Forschung. Forum Qualitative Sozialforschung, 9(1), Art. 37. https://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/333/727

Käpplinger, B., Robak, S., Fleige, M., Hippel, A. v. & Gieseke, W. (Hrsg.) (2017). Cultures of Program Planning in Adult Education. Frankfurt a. M./Bern/Wien: Peter Lang.

Käpplinger, B. (2017). Generationen von Geflüchteten und Generationen von institutionellen Antworten der Volkshochschulen: Eine historische Programmanalyse. In O. Dörner, C. Iller, H. Pätzold, J. Franz, B. Schmidt-Hertha (Hrsg.), Biografie – Generation – Lebenslauf. Perspektiven der Erwachsenenbildung (S. 99–116). Leverkusen: Barbara Budrich.

Käpplinger, B. & Falkenstern, A. (2018). Wann und wie kam der „Stress“ in die deutschen Volkshochschulprogramme? Eine Programmanalyse von 1947 bis 1987. Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung, 27(1–4), 155–167.

Nolda, S. (2018). Programmanalyse in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. In R. Tippelt & A. v. Hippel (Hrsg.), Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Band 1 (6., überarb. Aufl., S. 433–449). Wiesbaden: Springer VS.

Seitter, W. (2013). Profile konfessioneller Erwachsenenbildung in Hessen. Eine Programmanalyse. Wiesbaden: Springer VS.

Autor

Bernd Käpplinger, Prof. Dr., Professur für Weiterbildung Justus-Liebig-Universität Gießen.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 12.11.2020 zur Veröffentlichung angenommen.

This article war accepted for publication following a qualitative review at the editorial meeting on the 12th of November 2020.

Dies meint, wie oft das Wort „Optimierung“ im gesamten Textkorpus des Programmarchivs zu finden ist. Es ist vorteilhaft, im Zeitverlauf vorzugsweise die relative Worthäufigkeit zu verwenden, da heutige Programme oft deutlich umfangreicher als früher sind. Zum methodischen Vorgehen von Programmanalysen siehe überblickshaft Käpplinger (vgl. 2008) und Nolda (vgl. 2018).