Editorial

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2021 (1)

DOI: 10.3278/HBV2101W001

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Optimierung durch Erwachsenenbildung – Optimierung der Erwachsenenbildung

Eine Einführung in den Themenschwerpunkt

Wolfgang Seitter

Stichworte: Optimierung; Lern- und Bildungsprozesse; Weiterbildungspersonal; Weiterbildungseinrichtungen; Problematisierung

Keywords: optimisation; learning and educational processes; further education staff; further education institutions; problematisation

Der aus mathematischen und technischen Bereichen stammende Begriff der Optimierung lässt sich aus aktuellen Diskursen zu gesellschaftlichen und individuellen Entwicklungen kaum wegdenken und hat auch in (erwachsenen-)pädagogischen Debatten um Kompetenzentwicklung und lebenslanges Lernen in Form der Reflexion gesellschaftlicher Appelle zur Selbstoptimierung (vgl. Felden 2020) Einzug gehalten (vgl. z. B. Lerch 2013; Ladenthin 2018; Seitter et al. 2018). Dies erscheint erst einmal wenig verwunderlich, schließlich verweist der Begriff des „Optimums“ auf das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses – der Optimierung –, bei dem das bestmögliche Resultat im Hinblick auf die Erreichung eines spezifischen Ziels markiert wird. Mit Optimierung werden damit kontinuierliche Weiterentwicklungsprozesse beschrieben. Da das Ziel, das Optimum, nicht absolut, sondern als jeweils zu einem Zeitpunkt bestmögliches Ergebnis relational bestimmt wird, beinhaltet Optimierung eine permanente Steigerungsperspektive, die prinzipiell unabschließbar erscheint, da es bezüglich der meisten gesetzten Ziele „immer etwas besser geht“. Die Perspektive der Optimierung ist damit zutiefst anschlussfähig an große pädagogische und erwachsenenbildnerische Ideen, bei denen durch die intergenerationelle Tradierung von Bildung eine stetige Vervollkommnung bzw. Verbesserung von Mensch und Gesellschaft angedacht wird. Auch wenn dieser Gedanke – nicht zuletzt durch die Dialektik der Aufklärung (vgl. Horkheimer & Adorno 1988) – eine gewisse Relativierung erfahren hat, so geht es in Lern- und Bildungsprozessen doch immer um die lernende Weiterentwicklung und Verbesserung von noch nicht optimalen Ausgangszuständen.

Erwachsenenbildung kann – neben anderen Bildungsbereichen – aus dieser Perspektive zum einen als Medium der Optimierung durch Bildung in den Blick geraten, da Erwachsenenbildung Individuen Bildungs- und Reflexionsprozesse – und damit Gelegenheiten zur Selbstoptimierung ermöglicht. Auf der anderen Seite wird Erwachsenenbildung als Feld aber auch selbst zum Gegenstand von Optimierungsofferten. Dies betrifft die Entwicklung der Disziplin (z. B. durch Publikationsstandards), die Einrichtungen im Feld (z. B. durch Qualitätsmanagementsysteme) sowie das Personal in der Weiterbildung (z. B. durch Professionalitätsentwicklungsprozesse). Optimierung lässt sich also durchaus als erwachsenenpädagogisches Programm deuten, allerdings erscheint diese Perspektive nicht frei von Kritik. So sind mit dem Begriff und dem Anspruch von Optimierung Ambivalenzen verbunden (vgl. z. B. Forster 2020; Felden 2020). Diese Ambivalenzen beziehen sich auf den Beobachtungsstandpunkt von Optimierung. So stellt sich die Frage, wie das Erreichen eines Optimums eigentlich gemessen werden kann und wie und durch wen entsprechende Kriterien zur Beurteilung bereitgestellt werden? Fragwürdig ist auch, an welchen Inhalten und Normen sich gesellschaftliche und individuelle Optimierungsofferten orientieren. Schließlich werden manche Bereiche – wie die Steigerung von Effizienz – als klar optimierungswürdig charakterisiert, während andere Bereiche möglicherweise als nicht optimierungswürdig ausgeschlossen werden. Zudem können sich weitere dysfunktionale Effekte von Optimierungen ergeben, die mit den Begriffen „organizational“ oder „personal slack“ beschrieben werden (vgl. z. B. Pieler 2000, S. 106). Hier entsteht eine Überschusskapazität und eine Überqualifizierung von Organisationen und Personen, da gewissermaßen über das eigentliche Ziel hinaus optimiert wird. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach den Grenzen von Optimierung und der Resilienz gegenüber Optimierung. Gerade aufgrund der hohen Anschlussfähigkeit von Optimierung auf der einen und der ambivalenten Einschätzung auf der anderen Seite scheint es für die Erwachsenenbildung relevant, sich vertiefend mit der Optimierung durch Erwachsenenbildung und der Optimierung der Erwachsenenbildung auseinanderzusetzen.

Die Idee zu diesem Themenheft ist eng mit dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft verbunden, der sich im März 2020 mit dem Thema Optimierung auseinandersetzen sollte. Um die Erkenntnisse dieses Kongresses möglichst weit in das Feld der Erwachsenenbildung hineinzutragen, sollten sie, durch eine „optimierte“ Publikationsstrategie in mehreren Publikationsplattformen der Erwachsenenbildung veröffentlicht werden – beispielsweise in den Hessischen Blättern für Volksbildung oder auch im Internationalen Jahrbuch für Erwachsenenbildung (vgl. Schemmann i. E.). Auf dem Kongress sollten entsprechend Vortragende angesprochen werden, ihre Präsentationen für das Themenheft zu verschriftlichen – so weit die Idee. Der Kongress fiel jedoch der Corona-Pandemie zum Opfer. Daraus resultierten nicht nur Schwierigkeiten in der Anfrage der Autorinnen und Autoren, die nun etwas freier ihre Beiträge verfassen mussten, sondern durch die Pandemie entstanden auch für die Hessischen Blätter Herausforderungen – wie die Digitalisierung der Redaktionskonferenzen. Insofern stellt dieses Heft bereits das dritte und in der Genese sehr umfänglich von Corona beeinflusste Themenheft dar und reiht sich in eine Auseinandersetzung mit Corona ein. So werden im nächsten Themenheft explizit die Bedeutung der Pandemie für die Erwachsenenbildung und wiederum deren Umgang mit (Corona-)Krisen zum Schwerpunktthema gewählt. Trotz dieser Schwierigkeiten ist es aus unserer Sicht gelungen, ein interessantes Heft zu Fragen der Optimierung „optimal“ zusammenzustellen.

Mit den Hauptbeiträgen dieses Heftes wird die oben skizzierte ambivalente Perspektive von Optimierung aufgegriffen, indem Optimierungsaspekte theoretisch problematisiert und empirisch hinterfragt werden. Darüber hinaus werden Optimierungsperspektiven im Hinblick auf deren Bedeutung für Individuen und Organisationen differenzierter in den Blick genommen. So beschäftigt sich Carolin Alexander in einem ersten Beitrag mit der Problematisierung von Optimierung. Mit dem Beitrag „Optimierung zum Problem machen: Kritische Anfragen für die Erziehungswissenschaft“ werden der Begriff und der Diskurs um Optimierung in der Erwachsenenbildung und der Erziehungswissenschaft kritisch analysiert und der Gebrauch des Begriffs entselbstverständlicht. Farina Wagner widmet sich im zweiten Beitrag der Optimierung von Individuen. Im Artikel „Selbstoptimierung – eine problematisierende Empirie der Weiterbildungsberatung“ reflektiert auch sie den diskursanalytischen Zugang zu Selbstoptimierung in der Erwachsenenbildung und überlegt anhand einer eigenen empirischen Studie, wie eine Empirie zu Selbstoptimierung gedacht werden könnte. Der Beitrag richtet den empirischen Blick auf konkrete diskursive Praktiken anhand von tatsächlichen Rezeptionen und biografischen Aneignungen in der Weiterbildungsberatung. Im Beitrag von Ramin Siegmund „Optimierung inklusionsorientierter Passungsfähigkeit durch Qualifizierung“ wird die Professionalisierung des lehrenden Weiterbildungspersonals als Form der Optimierung des Feldes der Erwachsenenbildung in den Mittelpunkt gerückt und am Beispiel inklusiver Kurse diskutiert. Joy Rosenow-Gerhard nimmt mit ihrem Beitrag „Mitarbeitende oder Organisationen optimieren?“ eine organisationale und betriebliche Perspektive auf Optimierung ein und stellt hier eine empirische Beobachtung zur Förderung unternehmerischer Kompetenz in Innovationslaboren der Wirtschaft vor.

Im Praxisteil wird die Optimierung des Feldes der Erwachsenenbildung vertieft betrachtet. Hier beschäftigt sich Bernd Käpplinger mit der Optimierung in Programmen von hessischen Volkshochschulen. In seiner explorativen Programmanalyse geht er der Frage nach, inwiefern Begriffe der Optimierung in den Programmen auftauchen. Im Anschluss daran werden drei Statements zu Qualitätsmanagementsystemen als Medien zur Optimierung von Weiterbildung in den Blick genommen. Torsten Denker geht hier auf die Effekte des Qualitätsmanagements auf das pädagogische Handeln ein, während Beate Plänkers die Entwicklungsperspektive auf Qualität in erwachsenenpädagogischen Organisationen fokussiert. Klaus Meisel nimmt schließlich eine historisch orientierte Perspektive ein und formuliert sein Statement zur Optimierung der Erwachsenenbildung im Hinblick auf Qualitätsentwicklungspfade und Irrwege.

Wir hoffen, Ihnen mit diesem Heft eine interessante und anregende – und gegebenenfalls auch „optimale“ – Lektüre bereitstellen zu können.

Literatur

Felden, H. v. (Hrsg.) (2020). Selbstoptimierung und Ambivalenz. Gesellschaftliche Appelle und ambivalente Rezeptionen. Wiesbaden: Springer VS.

Forster, E. J. (2020). Die brüchige Welt der Optimierung. Zeitschrift für Pädagogik, 66(1), 15–21.

Horkheimer, M. & Adorno, T. W. (1988). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M.: Fischer.

Ladenthin, V. (2018). Optimieren oder Bilden? Medientheoretische Reflexionen. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 94(1), 71–88.

Lerch, S. (2013). Selbstkompetenz – eine neue Kategorie zur eigens gesollten Optimierung? Theoretische Analyse und empirische Befunde. Report – Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, 36(1), 25–34.

Pieler, D. (2000). Weiterbildungscontrolling. Eine systemorientierte Perspektive. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Schemmann (Hrsg.) (i. E.). Optimierung in der Weiterbildung. Internationales Jahrbuch der Erwachsenenbildung. Band 44. Bielefeld: wbv.

Seitter, W., Friese, M. & Robinson, P. (Hrsg.) (2018). Wissenschaftliche Weiterbildung zwischen Implementierung und Optimierung. Wiesbaden: Springer VS.

Autor

Wolfgang Seitter, Prof. Dr., Professur für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Philipps-Universität Marburg.