Zusammenarbeit von Volkshochschulen und ihrem Verband: „Es ist gut, dass der Verband eine Art Scharnier ist“

Weiterbildungspersonal – interpersonale Zusammenarbeit

Hessischer Volkshochschulverband e. V. (hvv) (Hrsg.)

Hessische Blätter für Volksbildung (HBV) – 2020 (4)

DOI: 10.3278/HBV2004W010

ISSN: 0018–103X    wbv.de/hbv    hessische-blaetter.de

Zusammenarbeit von Volkshochschulen und ihrem Verband: „Es ist gut, dass der Verband eine Art Scharnier ist“

Interview mit Steffi Rohling, ehemalige Verbandsdirektorin des Verbandes der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e. V.

Steffi Rohling im Interview mit Christiane Ehses und Bernd Käpplinger

Christiane Ehses: Du bist ja seit 2007 bei Deinem Verband. Niemand fängt nach dem Studium direkt an mit der Leitung eines Verbands. Wie war so Dein Weg in den Verband hinein? Was gab es an Stationen?

Steffi Rohling: Ja, in der Tat. 2007 habe ich beim vhs-Verband Rheinland-Pfalz als Direktorin angefangen. 1999 habe ich mein Diplom bekommen. Dazwischen waren ein paar Jahre, und die habe ich im Ministerium gearbeitet als Referentin für den Bereich der allgemeinen Weiterbildung. Ich bin intern einmal gewechselt in den Bereich Kindertagesstätten, aber war dort auch auf das Thema Fortbildung spezialisiert. Von daher war ich zwar noch einigermaßen jung, aber hatte schon sieben Jahre Berufserfahrung hinter mir. Ich glaube, dass ich im Ministerium über bestimmte Bereiche einen wichtigen Überblick bekommen habe, die nachher für meine Arbeitsstelle im Verband sehr wichtig waren. Ich lernte dort den Umgang mit Finanzen, wie ein Landeshaushalt aufgestellt wird, wie die ganze Struktur in Rheinland-Pfalz aussieht, was die allgemeine Weiterbildung angeht, wie das Zusammenspiel zwischen Bund, Land und Kommunen funktioniert. Das sind alles Dinge, die jetzt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen. Von daher war es beides. Ich war keine Berufsanfängerin mehr, hatte aber auch noch nicht 20 Jahre hinter mir, sondern eben eine gewisse Zeit, in der ich viel Erfahrung sammeln konnte. Diese haben mich auf den Verband sehr gut vorbereitet. Das waren in etwa meine Stationen.

Christiane Ehses: Eine wissenschaftliche Beschreibung von einem Verband sagt, ein Verband ist ein Zusammenschluss mehrerer Einheiten zum Zweck der gemeinsamen Interessenvertretung. Ist damit die Arbeit gut beschrieben? In unserem Interview geht es ja sehr stark um die Zusammenarbeit der Leitungen der einzelnen Volkshochschulen und einem Verband. Was fehlt da vielleicht? Was ist deine Sicht auf diese Definition?

Steffi Rohling: Die Bündelung der Interessen und die Vertretung der Interessen nach außen ist schon ein sehr wichtiger Aufgabenbereich. Ich würde sagen, bestimmt mit einer der Wichtigsten. Das ist der Grund, warum sich einzelne Einrichtungen zusammenschließen und einen Verband gründen, weil es quasi nicht möglich ist, dass, wenn man jetzt mal Rheinland-Pfalz nimmt, 67 Volkshochschulen mit einem Ministerium reden. Wichtig ist, dass die Volkshochschulen ein professionelles Sprachrohr auf Landes- und Bundesebene haben. Aber neben der Interessenvertretung sind in einem Verband natürlich noch viele andere Aufgaben angesiedelt. Die Interessenvertretung richtet sich nach außen, aber es gibt natürlich eine Menge Aufgaben nach innen. Das hört sich immer recht einfach an, aber das ist eine ziemlich wichtige Aufgabe: die Organisation des Austausches zwischen den Einrichtungen. Das macht man über seine Satzungsgremien und über verschiedene Fachkonferenzen oder Arbeitsgruppen etc. Einen Austausch, der zur Professionalisierung der Mitglieder beiträgt, zu organisieren und das zu unterstützen, ist, glaube ich, eine ganz wichtige Aufgabe. Dann haben wir in Rheinland-Pfalz traditionell ein sehr großes Fortbildungsprogramm für alle, die an Volkshochschulen arbeiten, also nicht nur für Kursleitende, sondern auch für die Hauptamtlichen, egal ob in Verwaltung oder in Pädagogik und Leitung. Das zu organisieren und durchzuführen ist mit viel Aufwand und Arbeit verbunden. Ich halte es aber für eine sehr zentrale Aufgabe, weil man natürlich als Verband sehr nahe an dem dran ist, was Volkshochschulen gerade tun, und schnell in der Lage ist, Bedarfe aufzugreifen und in Fortbildungen oder entsprechenden Unterstützungsangeboten umzusetzen. Natürlich ist der Austausch mit den anderen Verbänden ebenfalls wichtig, also sowohl innerhalb von Rheinland-Pfalz, was z. B. die Landesorganisation angeht, aber auch mit den Nachbarvolkshochschulverbänden und mit dem DVV. Die Mitwirkung in einem Gesamtbundesverband halte ich für eine ziemlich wichtige Aufgabe, weil von dort wieder viel zurückgespielt wird, was wir dann in die Volkshochschulen geben können.

Christiane Ehses: Ich stelle mir dieses Organisieren mit den Volkshochschulen zusammen nicht immer als ganz einfach vor. Es ist ja ein Geben und Nehmen, wo der Verband etwas braucht, wo die Volkshochschulen etwas brauchen. Wo gelingt das besser oder schlechter? Kann man da bestimmte Zeiten festmachen, wo das besser oder schlechter gelingt?

Steffi Rohling: Da muss man in der Tat reinwachsen. Man muss seine Mitglieder kennenlernen, merken, wer für welches Thema Expertin oder Experte ist. Das hat etwas mit den Schwerpunktsetzungen der Volkshochschule zu tun, je nachdem, an welcher Thematik man gerade arbeitet. Und wir wissen ja, dass sich das von heute auf morgen ändern kann. Es gibt unterschiedliche kollegiale Gruppen, die man zurate zieht oder bittet, etwas vorzubereiten oder Informationen zu schicken. Bei 67 Volkshochschulen hast du eine sehr große Auswahl. Irgendwann weißt du, wenn du dich mit dem Thema Schulabschlüsse befasst, wen du fragst – oder beim Thema Digitales. Und das sind natürlich ganz unterschiedliche Anfragen. Mal möchte man jemanden als Multiplikatorin oder Multiplikator gewinnen. Mal möchte man ein Zahlenwerk geliefert bekommen. Ein andermal möchte man etwas absprechen oder jemanden zu einem Termin im Ministerium mitnehmen. Da braucht man in der Tat sein Erfahrungswissen: Wen frage ich für was, und wo funktioniert das gut? Natürlich verfügen Volkshochschulen über unterschiedliche Ressourcen, einen Verband zu „füttern“. Das ist sehr unterschiedlich gelagert. Es gibt auch sicherlich vereinzelt mal eine Verabredung, die dann nicht eingehalten wird. Das gibt es aber vielleicht auch mal andersherum. Im Grunde muss man sich als Verbandsdirektorin zu den verschiedenen Themen seine Peers zusammensuchen und schauen, dass man handlungsfähig ist, indem man schnell an Informationen kommt.

Bernd Käpplinger: Eine Zusatzfrage mit den Peers: Du sagtest ja selber, die Volkshochschulen sind unterschiedlich affiziert von Themen und unterschiedlich beschäftigt oder involviert. Wenn Du jetzt eine Kampagne planst, wartest Du da auf die letzte kleine Volkshochschule? Oder setzt Du da auf ein Schneeballprinzip? Oder sagst Du, ab der Hälfte der Volkshochschulen, oder ab einem Drittel starten wir diese Kampagne?

Steffi Rohling: Mein Vorgehen ist in der Regel so, dass ich erst einmal für mich selbst definiere, ab wann wäre eine Kampagne oder ein gemeinsames Projekt erfolgreich. Das kann sehr unterschiedlich sein. Du kannst ein Projekt haben, wo du sagst, das läuft schon mit zehn Volkshochschulen gut oder nur mit fünf, und manchmal weißt du, du brauchst aber 30 oder 35. Hier muss ich selbst zunächst zu der Einschätzung kommen, ob das realistisch ist. Und wenn ich zu der Einschätzung komme, das ist realistisch, dann informieren wir alle und setzen in einem ersten Schritt natürlich auf dieses Prinzip, wer meldet sich sofort zurück und sagt, da bin ich dabei. Sollten es zu wenige sein, was schon auch hin und wieder der Fall ist, fangen wir natürlich an zu beraten und zu fragen. D. h. auch, „hinterhertelefonieren“ oder bestimmte Expertengruppen besonders ansprechen. Es gibt schon auch den Fall, dass es danach immer noch nicht reicht. Aber in der Regel ist es so: Wenn ich z. B. bei einem Mittelgeber sitze und es wird gesagt: „Schaffen wir es, 20 Volkshochschulen zu motivieren mitzumachen?“ Dann weiß ich das nach so langer Zeit, ob das klappt oder ob das nicht klappt. Das hängt von den Rahmenbedingungen ab, von dem Zeitbudget. Wie ist das zeitlich geplant, hat man einen langen Vorlauf, oder muss es ad hoc passieren? Mal irrt man sich auch, aber meistens weiß ich präzise, das kriege ich mit zehn, 20, 30 Volkshochschulen hin.

Christiane Ehses: Mal paradox gefragt, was wäre Dein Ratschlag, was man unbedingt machen muss als Verbandsleitung, um Probleme in der Zusammenarbeit mit Volkshochschulleitungen zu erzeugen? Was wären Deine Tipps für ein maximales Scheitern?

Steffi Rohling: Problematisch würde es werden, wenn man Anliegen oder Fragen anfängt zu bewerten. Weil die Volkshochschulen sehr unterschiedlich sind: klein, groß, ländlich, städtisch etc. Jemand ruft ja bei uns an, weil er etwas von uns wissen möchte. Wenn ich dann die Frage bewerten würde im Sinne von: „Das ist aber eine blöde Frage“, oder: „Das habe ich ja schon vor zwei Jahren irgendwann einmal beantwortet“, dann entsteht sicherlich eine Form von Beziehungsstörung. Ich glaube, Beziehungen, also eine gute Arbeitsbeziehung zu haben, eine tragfähige, ist schon sehr wichtig. Wir wollen als Gesamtverband agieren. Von daher ist einer der größten Fehler, den man machen könnte, zu sagen, die Frage ist berechtigt und diese nicht. Für mich ist immer die Haltung, jemand macht sich jetzt die Mühe, ruft bei uns an und möchte einen Rat. Diesen kann ich nicht immer geben, weil ich die Antwort auch nicht immer weiß, aber in dem Fall, in dem ich es weiß, sage ich natürlich in jedem Fall Unterstützung zu. Das ist die Hauptaufgabe eines Verbands, die Volkshochschulen zu stärken. Egal eigentlich, wo sie stehen, mit welchem Thema, mit welchen Ressourcen. Ein Kollege in einem anderen Bundesland hat immer den Spruch bemüht, der Verbandsdirektor oder die Verbandsdirektorin ist der oberste Knecht der Volkshochschulen. Ein bisschen ist das lustig, aber wahr.

Bernd Käpplinger: Ich bin also ein Diener meiner Volkshochschule? Ein Diener? Wird man da nicht auch etwas misstrauisch?

Steffi Rohling: Ich finde, dass das stimmt. Weil: Was ist sonst die Daseinsberechtigung eines Verbands? Ich mag es z. B. nicht, wenn Fragen nicht beantwortet werden. Wir haben bei uns relativ strenge Regeln, wie schnell Fragen und E-Mails beantwortet werden müssen. Da darf niemand mehr als 48 Stunden warten. Das ist schon der absolute Dienstleistungsgedanke gegenüber den Einrichtungen. Das nehmen wir sehr ernst. Sonst sitzt man irgendwann im Elfenbeinturm. Der Verband ist für die Volkshochschulen da, die Volkshochschulen finanzieren den Verband schließlich auch.

Christiane Ehses: Wenn ich noch mal provokant nachfrage, Dienstleistung ist ja das eine, aber es ist auch Leitung. Brauchen manche Anliegen nicht trotzdem so ein Stück weit einen Push? Leute in eine Richtung anzuregen? Einen Impuls geben? Ich sage mal ganz ketzerisch, Dienstleistung könnte ja so missverstanden werden: Wir sind rein passiv, und wir arbeiten das ab, was die Volkshochschulen uns sagen. Wir sind reine Serviceanbietende.

Steffi Rohling: Nein, es ist eigentlich beides. Unsere Aufgabe ist es schon, Impulse zu setzen und für eine Weiterentwicklung zu sorgen. Meine Erfahrung ist, dass es sehr angenommen wird. Es gibt Dienstleistungen, die würden wir nicht erbringen, weil sie nicht in das Portfolio passen oder unsinnig sind oder von gestern oder wie auch immer. Die Dienstleistungen, die quasi mit dem Gesamtverband verbunden sind, und das wird dann im Vorstand und auf Mitgliederversammlungen festgelegt, sind Dienstleistungen mit einem Weiterentwicklungsanspruch. Im Grunde beides zusammen, Dienstleistung in Verbindung mit Weiterentwicklung. Und natürlich heißt es als Verband, Themen setzen und Themen aufgreifen und durch ganz verschiedene Tools voranbringen. Fortbildung ist ein Angebot, aber auch das Mitmachen in Programmen, Projekten etc. Ein schönes Beispiel ist das Thema Digitalisierung. Der DVV bietet eine Menge für Verbände und Volkshochschulen an, dann geht es zu den Landesverbänden, die Verbände machen daraus wieder etwas, und dann geht es zu den Volkshochschulen, und dann muss es ein Angebot geben. Es muss Beratung geben, sodass wir irgendwann wirklich von einer Flächendeckung reden können.

Bernd Käpplinger: Frau Ehses hatte vor ein paar Jahren ein schönes Interview in den Hessischen Blättern mit verschiedenen Verbandsleitungen in Hessen, und da kam es u. a. zu dem Begriff der Wellenbewegung – dass ein Verband Wellenbewegungen in seiner Entwicklung hat. Wie würdest Du das einschätzen? Oder stimmt das Bild gar nicht und es ist eher so ein steter Fluss der Entwicklung?

Steffi Rohling: Natürlich gibt es Entwicklungen, und wenn Schlüsselpersonen in einem Verband wechseln, dann verändert sich etwas. Das ist auch richtig. Verbände müssen sich verändern. Als ich angefangen habe, war natürlich ganz viel Dynamik da. Vieles wurde neu geordnet, und es gab neue Dynamiken, neue Zusammensetzungen, neue Konstellationen. Da war unheimlich viel Bewegung. Aber da war auch nicht alles positiv. Mein Ziel war es nicht, diese viele Dynamik auf diesem Niveau aufrechtzuerhalten, sondern es sollte sich auch wieder erden, sodass wir in einen guten Arbeitsfluss kommen. Ansonsten würde ich sagen, dass Ereignisse von außen viel mit einem Verband machen. Aktuell natürlich die Corona-Krise, da ist Wallung ohne Ende in unserem Gesamtverband, was ich für normal halte. Das ganze Thema mit der Integration von Geflüchteten hat ganz viel mit uns gemacht. Es hat sehr viele Ressourcen gebunden, aber hat auch sehr viel Positives hervorgebracht. Es war eine Kreativität da, ein Einfallsreichtum und ein Umsetzenwollen und nicht nur Qualität, sondern auch Quantität. Ich habe manchmal Bauklötze gestaunt, was da innerhalb kürzester Zeit umgesetzt wurde. In solchen Zeiten bleiben dann natürlich andere Sachen liegen, weil auf einmal ein bestimmtes Thema ganz stark im Vordergrund ist. Das ist schon so eine Wellenbewegung. Und in der Tat muss man, wenn man jetzt mal im Bild bleibt, schauen, dass das nicht überschwappt. Es darf nicht zu viel werden. Also irgendwann gab es gerade bei dem Integrationsthema den Wunsch, sich wieder mit anderen Themen zu beschäftigen, also sowohl bei den Volkshochschulen als auch bei uns. Dieser Wunsch zeigt aber auch, dass es geschafft wurde, das Thema gut zu bearbeiten, es in Strukturen zu überführen, die erfolgreich sind, und dass man sich nun auch wieder neuen Themen widmen kann.

Christiane Ehses: Wie ist es in solchen außerordentlichen Situationen oder Zeiten – verschärft das dann die Unterschiede zwischen den Volkshochschulen noch mehr? Die Unterschiedlichkeit Stadt-Land, weil man unterschiedlich betroffen ist? Oder erlebst Du das eher so, dass Ereignisse von außen zusammenschweißen, dass man gemeinsam in einem Boot sitzt?

Steffi Rohling: Ich erlebe eher Letzteres. Wir packen es an. Wir haben ein Thema und jetzt müssen wir das gemeinsam anpacken. Deswegen ist es immer wichtig, sich zu erklären. Kommunikation ist natürlich ein total wichtiges Element in der Verbandsarbeit. Transparent zu machen, was man macht. Ich glaube, dass Transparenz und Kommunikation einfach sehr wichtig sind, damit die Volkshochschulen die Gelegenheit haben, sich damit auseinanderzusetzen: Was macht eigentlich unser Verband? Ohne dass man das immer im Detail gut finden oder teilen muss. Es gibt dann welche, die sagen: „Hast du mal an das gedacht oder dies?“ Das ist ja an der Stelle ein Geben und Nehmen. Du hattest gefragt, ob sich die Unterschiede verschärfen in der Krise. Das kommt sehr auf das Thema an. Also je nachdem, wie Volkshochschulen auf ein bestimmtes Thema oder auf eine bestimmte Situation vorbereitet sind, gibt es natürlich größere oder kleinere Probleme oder größere oder kleinere Erfolge. Und da müssen wir uns in der Tat immer anpassen, natürlich müssen wir die unterstützen, die eher Schwierigkeiten haben. Um noch mal in der aktuellen Corona-Krise zu bleiben, diejenigen, die sich eh schon aufgemacht hatten mit Onlinelernen, die sind jetzt einfach weitergelaufen. Aber diejenigen, die so halb unterwegs waren, das war ja schon positiv, weil sie gezeigt haben, wir wollen eigentlich, wir haben uns mental auf das Thema schon eingestimmt, die brauchen aber natürlich einen anderen Support als die, die da schon jahrelange Erfahrung haben. Wir bieten Fortbildungen an, Beratungen und sehen, dass etwas durch unsere Dienstleistung passiert. Ja, da gibt es Unterschiede. Krisen zeigen Unterschiede, oder betreffen Volkshochschulen unterschiedlich. Da ist die Kompetenz eines Verbands, damit flexibel umzugehen und zu schauen, wer braucht jetzt welche Unterstützung.

Christiane Ehses: Ja, das habe ich übrigens bei Euch gut beobachten können, z. B. bei der Qualitätsentwicklung, dass Ihr mit einem bestimmten Stamm an Volkshochschulen vor Jahren aufgebrochen seid, aber immer auch gefragt habt: Wie unterstützen wir die kleineren Organisationen? Die mit wenig Ressourcen, die aber trotzdem dieses Testat machen wollen. Dass Ihr andere Zeitläufe habt, viel pluraler eigentlich arbeitet, während wir in Hessen immer versuchen gemeinsam zu starten, weil wir vom Status der Volkshochschulen her nicht diese ganz großen Gefälle haben. Das ist noch mal eine andere Herausforderung für Euren Verband, oder?

Steffi Rohling: Ja, auf jeden Fall. Das ist ein gutes Beispiel, die Qualitätstestierung, weil das eine schwierige Angelegenheit für kleine Einrichtungen ist. Da sehen wir uns in der Pflicht und sind motiviert, auch die zu unterstützen. Das ist erfolgreich. Wir haben in der Tat viele kleine Einrichtungen, die dann diese Qualitätstestierung für Kleinsteinrichtungen durchlaufen haben. Wir haben das als einen Dauerprozess angelegt, in der Hoffnung, dass es Schule macht und kleine Volkshochschulen davon wiederum den Nachbarvolkshochschulen erzählen, dann wird da wieder jemand motiviert. Das ist etwas, da müssen wir eine andere Supportstruktur haben als jemand, der nur hauptamtliche Einrichtungen als Mitglieder hat.

Christiane Ehses: Ist auch die Facette enthalten, dass ihr Kontakte zwischen Volkshochschulen herstellt? Es könnte ja sein, dass z. B. die gut aufgestellte Volkshochschule dann anderen hilft? Das kann auf der einen Seite in direkter Zusammenarbeit von Praxis zu Praxis sein. Auf der anderen Seite könnte es heikel sein, dass die gut aufgestellte Volkshochschule sagt: „Oh, jetzt belastet uns nicht noch damit, das ist doch eure Aufgabe als Verband.“ Spielt das eine Rolle, von Eurer Seite Kontakte herzustellen und zu organisieren zwischen einzelnen Volkshochschulleitungen?

Steffi Rohling: Ja, das gibt es formell und informell. Die Arbeitskreise spielen hier eine wichtige Rolle. In der Digitalisierung haben wir dann sogenannte Digi-Circle eingerichtet. Da gibt es einen Input, aber auch eine gemeinsame Verabredung, was gemacht werden soll, und vor allem einen regionalen Erfahrungsaustausch. Wir haben aber auch intensiven informellen Austausch zwischen Nachbarvolkshochschulen und Volkshochschulen, die sich gut leiden können. Natürlich versuchen wir die Fragen der Volkshochschulen zu beantworten, aber es ist oft so, dass ich sage: „Rufen Sie zu der Frage doch auch noch mal den oder die an.“ Oft ist natürlich der Ratschlag zu bestimmten Fragestellungen von einer anderen Volkshochschule viel besser als meiner. Z. B. fusionieren bei uns ab und zu zwei Volkshochschulen. Das kommt alle paar Jahre vor. Den betroffenen Volkshochschulen rate ich immer: „Redet mit denen, die eine Fusion hinter sich haben. Wie haben die das gemacht?“ Es geht darum, dass sie nicht nur meinen Tipp haben, sondern auch den Tipp der Kolleginnen und Kollegen. Wie lief das vor Ort? So eine Art Blaupause. Ich finde wichtig, dass sich nicht alles auf die Geschäftsstelle konzentriert, sondern dass es unabhängig von der Geschäftsstelle eine Stärke in dem Netzwerk gibt. Es gibt Netzwerke im Netzwerk. Wir kriegen häufig mit: „Oh, da gibt es so eine Gruppe, die verabreden sich, die kooperieren, die verweisen auf ihre Angebote.“ Ich finde das immer ganz toll, weil wir nicht alles zentral steuern müssen. Ein Verband hat eine Eigendynamik, und es gibt Menschen, die sich mögen, und Menschen, die in benachbarten Regionen arbeiten, und dann ergibt es Sinn, sich an bestimmten Stellen auszutauschen.

Christiane Ehses: Wenn man sich Verbände allgemein in der Presse anschaut, ist durchaus die Kritik zu finden, dass das Lobbyarbeit sei. Man findet kritische Sichtweisen auf Verbände. Was würdest Du dem entgegenhalten? Warum sind Verbände und gerade Verbände von Volkshochschulen wichtige Organisationen?

Steffi Rohling: In erster Linie sind ja die Volkshochschulen die wichtigen Institutionen, und die Verbände sind auf eine gewisse Art auch Mittel zum Zweck. Wir sind die Supporter der Volkshochschulen. Davon hat natürlich die Gesellschaft in einem ganz hohen Maße etwas, weil sie ein qualitätsgesichertes, breites, interessantes Volkshochschulangebot vorfinden möchte. Ein Faktor, warum ein Programm eben breit gefächert, interessant und qualitätsgesichert ist, liegt darin, dass die Volkshochschulen sich über einen Verband organisiert haben. Mit Austausch, mit gemeinsamer Interessenvertretung und mit Marketingarbeit etc. Ich würde uns eher als so eine Art Vehikel sehen. Die Dinge, die der Bürger oder die Bürgerin von einer Volkshochschule erwartet, dass wir diese Dinge mit voranbringen und vorantreiben. Ganz praktisch ist es doch so, dass die Politik schlecht mit 67 Volkshochschulen reden kann. Wo fängt sie da an und wo hört sie auf? Im Grunde ist man darauf angewiesen, sowohl die Volkshochschulen als auch die Politik, dass es da ein Scharnier gibt. Z. B. bei der Finanzierung oder der rheinland-pfälzischen Statistik läuft alles über den Verband, sodass das Ministerium einen Ansprechpartner hat. Das macht die Sache effizient und überhaupt erst möglich. Das ist zwar für die Gesellschaft nicht so spannend, indirekt aber hat die Gesellschaft sehr viel davon. Wenn man sich das Thema Integration vor Augen führt oder den ganzen Bereich der zweiten Chance, in dem sich Verbände sehr engagieren, oder wir zumindest. Die Grundbildung, die Alphabetisierung, die Schulabschlüsse, Deutschkurse: Die Gesellschaft hat da ganz unmittelbar etwas davon, weil Volkshochschulen dadurch besser in der Lage sind, durch gezielten Mitteleinsatz und neue Strukturen ein ordentliches Integrationsangebot anbieten zu können. Oder z. B. der Bereich Schulabschlüsse, das ist eines meiner Lieblingsthemen. Wenn so viele Menschen die Schule verlassen ohne Abschluss, und wir machen kein gutes Zweite-Chance-Angebot: Was passiert denn mit diesen Menschen? Wo landen die? Ohne Schulabschluss keine Ausbildung. Ohne Ausbildung kein geregelter Arbeitsplatz. Das sind alles Entwicklungen, die nicht auf den ersten Blick für die Bürgerin oder den Bürger zu erfassen sind. Aber die Gesellschaft als solche profitiert sehr davon.

Christiane Ehses: Ist ja was anderes als ein ADAC. Ob man überhaupt diesen Begriff akzeptiert: Lobbyarbeit? Die haben eine Interessengruppe, die ganz stark Klientel­interessen verfolgt. Während wir immer so einen zivilgesellschaftlichen Auftrag mit im Kopf haben. Das finde ich einen semantischen Unterschied zu dem eigenen Auftrag.

Steffi Rohling: Das finde ich auch. Das Wort Lobbyarbeit finde ich auch ganz schrecklich. Im Grunde geht es um Interessenvertretung. Ich sage immer: „Wir machen das nicht, damit die Volkshochschule sich einen Dienstwagen kauft.“ Das kann sie sowieso nicht. Das machen wir für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Für die Menschen da draußen. Das muss man leider immer mal wieder dazusagen. Wir hätten ohne bestimmte Projekte weniger Arbeit. Wir machen das eben, weil wir merken, dass die Menschen ein solches Angebot nachfragen oder regelrecht brauchen.

Christiane Ehses: Okay. Herzlichen Dank. Abschließend die letzte Frage. Ist noch etwas auf der Strecke geblieben von den Fragen her? Gäbe es noch etwas, was Dir nochmal ganz wichtig wäre oder wo Du dachtest, das wollte ich auf jeden Fall gesagt haben?

Steffi Rohling: Ja, vielleicht. Als Verband wünscht man sich immer, dass die Volkshochschulen wirklich eine gute Ausstattung haben. Und das nicht nur als Selbstzweck, sondern wenn bestimmte Geldsorgen oder Struktursorgen nicht da wären oder weniger da wären, dann hätte sowohl die Volkshochschule als auch ein Gesamtverband ganz andere Möglichkeiten, sich auf die Zukunft zu konzentrieren und auf neue Inhalte; auf Innovationen. Das wird immer dadurch gehemmt, dass viele aufgrund der finanziell schwierigen Ausstattung gar nicht erst einsteigen können. Weil, das wissen wir ja aus der Bedürfnispyramide, du musst erst mal die Grundbedürfnisse befriedigen, sonst kannst du dich nicht nach oben entwickeln. Und deswegen hat ein Verband immer den Wunsch, dass die Bedeutung von Volkshochschule im Gesellschaftskontext bei der Politik als solche anerkannt wird. Weil man selber sieht, welche Möglichkeiten wir noch hätten, wenn wir über andere Rahmenbedingungen verfügen würden. Das wäre noch ein ganz grundsätzlicher genereller Wunsch in Bezug auf die allgemeine Weiterbildung oder die Institution Volkshochschule in unserer Gesellschaft.

Christiane Ehses: Also insofern „Lobbyarbeit für das Thema“? Dann bei der Politik vielleicht doch?

Steffi Rohling: Ja, stimmt. Genau, ja.

Review

Dieser Beitrag wurde nach der qualitativen Prüfung durch die Redaktionskonferenz am 13.8.2020 zur Veröffentlichung angenommen.

This article was accepted for publication following the editorial meeting on the 13th August 2020.